Nach dem umstrittenen Offenen Brief von Alice Schwarzer haben sich Intellektuelle mit einem Gegenbrief an den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz gewandt. "Es liegt im Interesse Deutschlands, einen Erfolg des russischen Angriffskriegs zu verhindern. Wer die europäische Friedensordnung angreift, das Völkerrecht mit Füßen tritt und massive Kriegsverbrechen begeht, darf nicht als Sieger vom Feld gehen", hieß es in dem Aufruf, den "Die Zeit" veröffentlicht.

Unterzeichnet wurde der Brief etwa von Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, von dem deutsch-österreichischen Schriftsteller Daniel Kehlmann, dem russischstämmigen deutschen Autor Wladimir Kaminer, dem deutschen Publizisten und ehemaligen Grünenpolitiker Ralf Fücks, der früheren Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler, dem Verleger Mathias Döpfner oder dem österreichischen Migrationsforscher Gerald Knaus.
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Waffen zwecks Selbstverteidigung

Es gebe keinen Unterschied zwischen "defensiven" und "offensiven" Rüstungsgütern, heißt es laut "Zeit"-Vorausmeldung vom Mittwoch in dem Schreiben, denn in den Händen der Angegriffenen dienen auch "Panzer und Haubitzen" der Selbstverteidigung. Weiter heißt es in dem Text, "wer einen Verhandlungsfrieden will, der nicht auf die Unterwerfung der Ukraine unter die russischen Forderungen hinausläuft, muss ihre Verteidigungsfähigkeit stärken und die Kriegsfähigkeit Russlands maximal schwächen". Die Unterzeichner forderten zudem eine Ausweitung wirtschaftlicher Sanktionen auf den Energiesektor.

"Wenn Putins bewaffneter Revisionismus in der Ukraine Erfolg hat, wächst die Gefahr, dass der nächste Krieg auf dem Territorium der NATO stattfindet", heißt es wörtlich in dem Appell. "Und wenn eine Atommacht damit durchkommt, ein Land anzugreifen, das seine Atomwaffen gegen internationale Sicherheitsgarantien abgegeben hat, ist das ein schwerer Schlag gegen die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen." Die Drohung mit dem Atomkrieg sei Teil der psychologischen Kriegsführung Russlands.

"Was die russische Führung fürchtet, ist nicht die fiktive Bedrohung durch die NATO. Vielmehr fürchtet sie den demokratischen Aufbruch in ihrer Nachbarschaft." Deshalb gebe es den Schulterschluss mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, deshalb der "wütende Versuch", den Weg der Ukraine Richtung Demokratie und Europa mit aller Gewalt zu unterbinden. "Kein anderes Land musste einen höheren Preis bezahlen, um Teil des demokratischen Europas werden zu können. Die Ukraine verdient deshalb eine verbindliche Beitrittsperspektive zur Europäischen Union."

Direkte Konfrontation vermeiden

Es gebe gute Gründe, eine direkte militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden, erklären die Intellektuellen. "Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass die Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine nicht unsere Sache sei. Sie ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem deutschen 'Nie wieder' ist." Die deutsche Geschichte gebiete alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern. "Das gilt erst recht gegenüber einem Land, in dem Wehrmacht und SS mit aller Brutalität gewütet haben."

Heute kämpfe die Ukraine auch für die Sicherheit und die Grundwerte des freien Europas. Deshalb dürfe Europa die Ukraine nicht fallen lassen, forderten Menasse, Kehlmann und Co.

Erster Brief forderte Stopp der Waffenlieferungen

Der Brief ist eine Reaktion auf einen kürzlich in der Zeitschrift "Emma" erschienenen Offenen Brief, in dem diverse Intellektuelle und Künstler um die Herausgeberin Schwarzer und den österreichischen Künstler und Medientheoretiker Peter Weibel Scholz aufforderten, der Ukraine nicht "weitere schwere Waffen" zu liefern, um dem russischen Präsidenten Wladimir Putin kein Motiv für eine Ausweitung des Krieges auf die NATO-Staaten zu geben. Sie forderten Anstrengungen für einen raschen Waffenstillstand und einen "Kompromiss, den beide Seiten akzeptieren können". Der Brief fand digital Zehntausende Unterstützer, traf aber auch auf heftige Kritik. (apa/ade/mp)