Volodemyr ist über die Slowakei in die Ukraine eingereist. Die fünf Stunden Wartezeit am Grenzübergang Tschop sind ihm kaum einer Erwähnung wert. "Das ging rasch", sagt er, während er die staubige Plane seines Lkw aufknüpft. Dass es schnell geht, ist alles andere als selbstverständlich. Vor den Grenzübergängen von Rumänien in die Ukraine stauen sich Lkw kilometerweit. Seitdem Frachtschiffe die ukrainischen Häfen Mariupol und Odessa nicht mehr anlaufen, löschen sie ihre Ladung im rumänischen Constanza. Von dort karren täglich hunderte Lkw die Ladung am Landweg in das Kriegsgebiet, was die Kapazitäten der Grenzposten überlastet. Unter Volodemyrs Plane stapeln sich Bettgestelle und Matratzen, die von Freiwilligen rasch abgeladen werden. Die Betten sind eine Spende des österreichischen Bundesheeres und des Kuratoriums Wiener Pensionisten-Wohnhäuser und kommen dem örtlichen Kinderkrankenhaus zugute.

Der erste Konvoi der Volkshilfe Österreich fuhr bereits eine Woche nach Kriegsbeginn in die Ukraine. Volodemyrs Bettenlieferung war der 36. Lkw, den die Volkshilfe nach Czernowitz geschickt hat. Bisher lieferte die Hilfsorganisation 530 Tonnen an Essenspaketen und Hygieneartikeln, dazu Medizin und Sachspenden für örtliche Einrichtungen wie das Kinderhospital. "Die Betten werden im Krankenhaus dringend benötigt", sagt Direktor Pavliuk Vasyl. Es gab Pläne, die in den 1980ern erbaute Spezialklinik zu modernisieren und um eine chirurgische Abteilung zu erweitern. Aber der Krieg habe diese Pläne zunichtegemacht, so Vasyl.

Weil das Hospital auch die Kinder der aus den Kriegsgebieten geflüchteten Familien betreut, stößt es derzeit an die Grenzen seiner Kapazitäten. Waren vor dem Krieg etwa 160 Kinder gleichzeitig im Krankenhaus, sind es jetzt 200. "Kinder, die keinen akuten Bedarf an Vor-Ort-Betreuung haben, schicken wir daher nach Hause", sagt Vasyl.

Raihan Cherba hat ihre Landwirtschaft

bei Cherson aufgegeben, weil

sie 70 Prozent des Getreides an die russische Armee abliefern musste. 
- © Volkshilfe Österreich / Matthias Hütter

Raihan Cherba hat ihre Landwirtschaft
bei Cherson aufgegeben, weil
sie 70 Prozent des Getreides an die russische Armee abliefern musste.

- © Volkshilfe Österreich / Matthias Hütter

Bei jedem Alarm müssen die Kinder in den Luftschutzbunker. "In den letzten Tagen war es ruhig, aber vorletzte Woche hatten wir drei Alarme pro Nacht", so Vasyl. Tönen die Sirenen, bleiben in Czernowitz etwa zwanzig Minuten Zeit, bevor eine in Weißrussland oder Moldawien abgefeuerte Rakete detoniert. Die Evakuierung in den Keller dauert 15 Minuten. "Anfangs war es schwierig, all die Kinder in der kurzen Zeit in den Luftschutzkeller zu schaffen", so der Direktor: "Jetzt geht es rascher, jeder weiß, was zu tun ist."

Die ukrainische Schwesterorganisation der Volkshilfe, Narodna Dopomoha, betreibt ein Welcome Center im Stadtzentrum von Czernowitz. Das alte Haus mit den dicken Mauern ist ein erster Anlaufpunkt für Geflüchtete, wo diese mit Essens- und Hygienepaketen versorgt werden, sich über das lokale Angebot öffentlicher Dienstleistungen informieren und psychosoziale Betreuung in Anspruch nehmen können.

Pavliuk Vasyl leitet das Kinderhospital in Czernowitz, das an die Grenzen seiner Kapazitäten stößt. 
- © Volkshilfe Österreich / Matthias Hütter

Pavliuk Vasyl leitet das Kinderhospital in Czernowitz, das an die Grenzen seiner Kapazitäten stößt.

- © Volkshilfe Österreich / Matthias Hütter

Eine von ihnen ist Ira Inart, die mit ihrer Familie aus Schytomyr geflohen ist. Die Stadt ist ein Verkehrsknotenpunkt mit einem internationalen Flughafen, seit Beginn des Krieges schlugen hier Raketen ein. "Unsere Wohnung liegt neben einer Militärbasis", sagt sie. Die Gefahr, Ziel einer russischen Rakete zu werden, war hoch. Im März verließ sie Schytomyr, jetzt wohnt Inart mit ihren drei Kindern in einer staatlichen Einrichtung für Flüchtlinge und wird von der Volkshilfe mit Lebensmitteln und Hygieneartikel versorgt. Da sich die Kampfhandlungen in den Südosten der Ukraine verlegt haben, wäre Inart schon gerne nach Schytomyr zurückgegangen. "Aber die Kinder haben Angst vor den Sirenen", sagt sie. "Die tönen dort viel öfter als in Czernowitz."

Keine baldige Rückkehr

Anders als Inart sieht Raihan Cherba zurzeit keine Möglichkeit auf baldige Rückkehr. Cherba hatte einen landwirtschaftlichen Betrieb in der Gegend von Cherson, wo es seit Beginn der Invasion schweren Gefechte gab. Anfang März fiel der ukrainische Seehafen unter Kontrolle der Russen. Cherba wollte zunächst bleiben, doch dann bestimmten die Besatzer, dass 70 Prozent des Getreides an die schlecht versorgte russische Armee abgegeben werden müsse. "Gegen die Soldaten kannst du nichts machen", sagt sie resignierend. Anfang Mai verließ sie in einer langen Kolonne von Flüchtlingen Cherson. Am 15. Mai kam sie nach Czernowitz, wo sie jetzt mit Ehemann, Tochter und einigen Onkeln in einer staatlichen Einrichtung wohnt. Zurückkehren würde sie gerne, aber das sei derzeit unmöglich: "Ich hoffen auf unsere Armee, dass sie die Stadt befreit und ich zurück kann in mein normales Leben."

70.000 Binnenflüchtlinge

Czernowitz ist eine der wenigen ukrainischen Großstädte, die bisher noch nicht bombardiert wurden. Vom Krieg ist zunächst nicht viel zu bemerken. Die Tische in den Restaurants und Cafés sind voll besetzt, abends wird in der Fußgängerzone der Altstadt Bier getrunken und werden Wasserpfeifen geraucht. "Wir fühlen uns jetzt sicherer", sagt ein Bewohner, "weil der Krieg vom 600 Kilometer entfernten Kiew über den Dnepr in den Südosten des Landes zurückgewichen ist." Am zweiten Blick entdeckt man aber auch in Czernowitz den Schatten des Krieges: Die Stadt steht unter Militärverwaltung, ab 23 Uhr herrscht Ausgangssperre. Vor den wenigen geöffneten Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Seitdem die ukrainischen Schwarzmeerhäfen blockiert sind und Öllager und Raffinerien zerstört wurden, ist der Treibstoff knapp. Der Liter Benzin kostet bis zu zwei Euro. Die vielen ausländischen Studenten, die normalerweise in Czernowitz leben, haben das Land schon lange verlassen. In den Wohnheimen sind nun Binnenflüchtlinge untergebracht. Rund 70.000 sollen sich zurzeit in der Stadt aufhalten.

Viele der Geflüchteten engagieren sich im Freiwilligen-Zentrum von Czernowitz: Sie sortieren Kleidung und stellen Erste Hilfe-Pakete zusammen, andere telefonieren, sitzen an ihren Laptops und registrieren Hilfsanfragen. "Jeden Tag packen wir 300 und mehr Medizinpakete", sagt Volodymyr Dorosch, der seit dem dritten Kriegstag das Freiwilligen-Zentrum leitet. Die Pakete schicken sie mit Zügen und Lkw an Hospitäler und Frontlinien im Osten des Landes. Bisher hat das Zentrum mehr als 50.000 Tonnen an Hilfsgütern ausgeliefert. "Unser Credo lautet: Wie helfen jedem, überall und schnell", sagt Dorosch. Zwischen 200 und 300 Freiwillige arbeiten im Zentrum. Der Großteil von ihnen Geflüchtete. Dorosch: "Die wissen genau, woran es in den von ihnen verlassenen Gebieten mangelt."

Es ist davon auszugehen, dass dieser Mangel noch weiter andauern wird. Am 22. Mai hat die ukrainische Regierung das Kriegsrecht um weitere 90 Tage verlängert. Der Präsidentenberater Oleksiy Arestowytsch sagte, er gehe davon aus, dass der Krieg bis in den Herbst dauern werde. Den Keller unterhalb des Zentrums hat Dorosch mit seinen Helfern zu einem Luftschutzbunker für 400 Personen ausgebaut. Es gibt Strom, Heizung und Internet. Raketen haben bisher zwar keine in Czernowitz eingeschlagen, sagt er, "Aber in Anbetracht des andauernden Krieges müssen wir vorbereitet sein."