Lange 70 Jahre ist Königin Elizabeth II. nun schon auf dem Thron und damit die am längsten regierende britische Monarchin überhaupt. In dieser Zeit hat sich "die Landkarte verändert", sagt der Historiker Matthew Grimley von der Universität Oxford. Doch nicht nur international ist die Rolle Großbritanniens eine andere geworden. Auch das Land selbst sei heute ein völlig anderes als zu Beginn der Regentschaft der Queen im Jahr 1952.

Am Anfang habe die Königin "gewissermaßen den Prozess der Dekolonisierung beaufsichtigt", sagt der Spezialist für britische Geschichte im 20. Jahrhundert. "Viele der königlichen Besuche waren in Länder, die das British Empire verließen, aber in einigen Fällen Teil des Commonwealth blieben" - ein Staatenbund mehrheitlich ehemaliger britischer Herrschaftsgebiete, dessen Oberhaupt die Queen ist.

Auch im Vereinigten Königreich selbst sei die Regierungsführung in den vergangenen 70 Jahren komplexer geworden. "Wales, Schottland und Nordirland haben unterschiedliche Arten der Selbstverwaltung bekommen, sodass die Macht des britischen Premierministers bis zu einem gewissen Grad reduziert wurde." Und im Augenblick würden die unterschiedlichen Teile des Vereinigten Königreichs auch "von völlig unterschiedlichen Parteien" geführt, unterstreicht Grimley.

Elizabeth II. habe außerdem zu einer Zeit den Thron bestiegen, bevor die Europäische Gemeinschaft geschaffen wurde. "Großbritannien ist natürlich erst in den 1970er Jahren beigetreten, war dann aber 40 Jahre lang Mitglied und ist danach wieder ausgetreten. Auch der Beitritt und der EU-Austritt sind also während der Regentschaft der Queen passiert", so der Historiker.

Männlich dominierte Welt

"Massive soziale und politische Veränderungen" während der Regentschaft der Queen beschreibt er aber auch in Großbritannien selbst: "Wenn Sie daran denken, wie Großbritannien ausgesehen hat, als sie 1952 den Thron bestiegen hat: Der Krieg war gerade vorbei, es gab immer noch Rationierungen und andere Kontrollen, die umfangreiche Einwanderung von Menschen aus dem früheren British Empire hatte gerade erst begonnen. Großbritannien war also ein sehr monokulturelles Land - heute ist es ein sehr viel multikulturelleres Land."

Auch sei Großbritannien eine "stärker vom Klassensystem geprägte und ehrerbietige Gesellschaft mit einer großen Arbeiterschicht" gewesen. "All diese Dinge haben sich geändert. Großbritannien ist eine pluralistischere und vielleicht auch tolerantere Nation geworden, eine diversere Nation, eine mittelständischere Nation."

Zudem seien heutzutage sehr viel mehr Frauen in der Politik aktiv. Die Queen sei in ihren frühen Jahren auf dem Thron "eine Frau in einer Welt gewesen, die noch immer überwiegend männlich dominiert war". Es habe 1952 "praktisch keine Frauen in wichtigen politischen Funktionen gegeben, und jetzt gibt es viele Frauen in wichtigen politischen Ämtern. Unsere Außenministerin ist eine Frau, unsere Innenministerin ist eine Frau, wir haben noch keine Finanzministerin gehabt, aber Premierministerinnen."

Es habe in den vergangenen 70 Jahren große soziale Veränderungen gegeben, zumindest an manche habe sich die Monarchie angepasst. Ein Beispiel dafür betreffe die königliche Familie selbst: "Kurz nachdem die Queen auf den Thron kam, wollte ihre Schwester, Prinzessin Margaret, Peter Townsend heiraten, der geschieden war. Und sie wurde im Grunde dazu gezwungen, ihre Beziehung mit ihm aufzugeben, weil das nicht im Einklang mit den Lehren der anglikanischen Staatskirche stand, deren nominelles Oberhaupt die Queen ja ist."

Republikaner als Minderheit

Ganz im Gegensatz dazu seien aktuell drei der vier Kinder der Queen geschieden, zwei hätten wieder geheiratet. Selbst Thronfolger Prinz Charles habe ein zweites Mal geheiratet, wenn auch erst nach dem Tod seiner ersten Frau Diana. "Aber Charles konnte eine Frau heiraten, mit der er eine Beziehung hatte, während er mit jemand anderem verheiratet war, und das war nicht besonders umstritten. Und das ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass sich die Monarchie an den breiteren sozialen Wandel anpasst."

Eine Gefahr für das Weiterbestehen der britischen Monarchie sieht Grimley nicht - und auch nicht wirklich, wenn es zu einem Wechsel an der Staatsspitze kommen und Prinz Charles seiner Mutter nachfolgen wird. Immer noch zeigten alle Umfragen, dass viel mehr Menschen in Großbritannien für die Beibehaltung der Monarchie seien als für die Schaffung einer Republik, sagt der Experte. Auch Briten, die nicht besonders enthusiastisch zur Institution Monarchie eingestellt seien, hätten "lieber einen politisch machtlosen, zeremoniellen Monarchen als einen Präsidenten von der Art, wie man sie aus Frankreich oder den USA kennt".

"Uns gefällt der Gedanke, dass unser effektiver Machthaber, der Premierminister, ins Parlament gehen und jede Woche Fragen der Abgeordneten beantworten muss und aus dem Amt entfernt werden kann, wenn er seine Mehrheit im Parlament verliert. Ich glaube nicht, dass uns die Idee gefällt, ein Staatsoberhaupt zu haben, dessen Mandat unabhängig vom Parlament ist."

Selbst unter jenen, die sich von London lossagen wollten, gebe es Unterstützung für die britische Monarchie. Deshalb sei es etwa auch offizielle Linie der Schottischen Nationalpartei (SNP), die für eine Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich eintritt, die Monarchie auch im Falle einer Abspaltung des Landesteils beizubehalten. Dafür gebe es historische Vorläufer, wenn man - mehrere Jahrhunderte - in die Periode vor der Vereinigung von England und Schottland zurückgehe. "Das ergibt also irgendwie schon Sinn."(apa)