Athen. Immer früher, immer häufiger, immer verheerender: Ob in Itea nahe Delphi, Ilia auf der Halbinsel Peloponnes, Rethymon auf Kreta, Penteli nahe Athen, auf der Insel Lesbos oder im "Dadia"-Wald am Evros-Fluss nahe der Festlandgrenze zur Türkei - sowohl die Zahl der Feuer als auch der verbrannten Flächen in Griechenland ist im Vergleich zum Durchschnittswert der vergangenen 16 Jahre deutlich gestiegen. Und die Waldbrände beginnen früher im Jahr.

Dies geht aus den offiziellen Daten des Europäischen Waldbrand-Informationssystems (EFFIS) hervor. Demnach beliefen sich die verbrannten Flächen in Griechenland bis 30. Juli auf insgesamt 21.529 Hektar.

Dies entspricht fast der doppelten Fläche gegenüber dem entsprechenden Durchschnittswert für den Zeitraum 2006 bis 2021, als in Hellas im Schnitt 11.405 Hektar bis zum Stichtag 30. Juli den Feuerflammen zum Opfer fielen. Die sechs großen Waldbrände in Itea und anderswo, die allein im Juli wüteten, trugen maßgeblich zu dem neuen Negativrekord in der gerade abgelaufenen ersten Hälfte der Feuersaison bei.

Außerdem hat sich die Zahl der Waldbrände in diesem Jahr fast verdoppelt. Bis zum Stichtag 30. Juli wurden 40 Waldbrände in Hellas in die EFFIS-Datenbasis eingespeist. 2006 bis 2021 wurden bis zum Stichtag im Schnitt noch 22 Waldbrände in ganz Griechenland gemeldet. Obendrein fällt auf, dass die Zahl der Waldbrände heuer schon seit Beginn des Frühlings im März deutlich angestiegen ist.

Warnung per Textnachricht

Dabei verlief schon die vergangene Feuersaison in Griechenland katastrophal. Laut EFFIS verbrannten im Gesamtjahr 2021 gut 44.600 Hektar Land. Nun ist bereits Ende Juli fast die Hälfte des Wertes für 2021 erreicht.

Das treibt den Experten in Athen die Sorgenfalten auf die Stirn. Denn der Monat August, wenn die Feuersaison in Hellas alljährlich üblicherweise ihren Höhepunkt erreicht, hat erst begonnen. Böse Erinnerungen werden wach: Im August 2007 brannte der halbe Peloponnes nieder; dutzende Menschen kamen ums Leben.

Die Hauptgründe dafür, dass der Monat in Griechenland so gefährlich ist, sind die fortgesetzte Dürre sowie der im August aufkommende starke Nordwind "Meltemi" mit Böen der Windstärke 12. Das facht die Feuer in Hellas in den schon bis dahin wegen der chronischen Regenarmut ausgetrockneten Wäldern an.

Die Regierung in Athen unter dem konservativen Premier Kyriakos Mitsotakis brüstete sich jedenfalls damit, dass die Feuersbrunst keine Menschenleben kostete. Ihre neue Strategie: Umgehend Dörfer und Städte evakuieren, wenn ein Feuer naht. Die Bewohner werden dabei per automatischer Warn-Textnachricht auf ihrem Smartphone vorsorglich zum sofortigen Verlassen der betroffenen Region aufgerufen.

Das Feuer von Mati

Das ist eine bittere Lehre aus dem desaströsen Feuerinferno im kleinen Küstenort Mati unweit von Athen am 23. Juli 2018. Das Feuer von Mati hat sich tief in das Gedächtnis der Griechen eingegraben. Binnen weniger Stunden starben dort 103 Menschen, als eine Feuerwalze eine Spur der Verwüstung im Ferienort hinterließ. Evakuierung? Ein Fremdwort, bis dahin.

Die politische Folge war jedoch: Das tödliche Feuer trug dazu bei, dass die linke Vorgängerregierung unter dem damaligen Premier und heutigen Oppositionsführer Alexis Tsipras beim Urnengang im Juli 2019 abgewählt wurde. Seither genießt in Griechenland unter Premier Mitsotakis bei der Bekämpfung der Waldbrände die Rettung von Menschenleben oberste Priorität.

Der Haken daran ist aber, dass die griechische Feuerwehr laut griechischen Medienberichten weiter unter einem akuten Personal- und Materialmangel leidet. Griechenland hat aktuell lediglich rund 15.000 Feuerwehrleute (ohne Freiwillige), dafür aber 50.000 Polizisten. Das sind 500 Polizeibeamte auf 100.000 Einwohner. Der EU-Durchschnitt liegt bei etwas mehr als 300. Im latent feuergeplagten Hellas gilt: zu viel Polizei, zu wenig Feuerwehr.

Beobachter sind sich einig: Ohne die Hilfe ausländischer, gut ausgerüsteter Feuerwehrkräfte wären die Waldbrände in Griechenland kaum effizient zu bekämpfen. Immerhin hat es in dieser Feuersaison ausgerechnet im so leidgeprüften Nord-Euböa nicht gebrannt. Kritiker meinen: "Wie auch? Hier gibt es nichts mehr, was brennen kann."