Wenn man von Madrid in das angrenzende Pozuelo de Alarcón fährt, könnte man meinen, auf dem Weg ins Armenviertel zu sein. Der Zug ist gefüllt mit Menschen mit indigenen Gesichtszügen, die sie als Immigranten ausweisen. Peruaner, Ecuadorianer und andere Südamerikaner trifft man in der spanischen Hauptstadt auf Schritt und Tritt. Meist sind sie Verkäufer in Geschäften oder versehen niedere Dienste, die andere dankend ablehnen. Auch schlecht gekleideten Russinnen kann man im Zug C-10 nach Pozuelo beim Plausch zuhören. Bei der Ankunft in der westlich von Madrid gelegenen Ortschaft könnte man allerdings von Armut nicht weiter entfernt sein. Denn hier leben Spaniens Reiche.

Feudales Ambiente

Feudale Backsteinvillen wechseln einander mit pompösen Großsteinbauten ab. Fußballstar Cristiano Ronaldo hat hier seine Villa gleich neben Trainer Diego Simeone. So gut wie alles, was bei Real oder Atlético Madrid Rang und Namen hat, ist oder war in Pozuelo beheimatet: Karim Benzema, Zinedine Zidane, Angel di Maria und Gareth Bale.

Letzterer zahlte kolportierte 12.000 Euro Monatsmiete, bevor es ihn in die USA zog. Vor allem ist es eine eingezäunte und gut bewachte Enklave im an sich schon mondänen Pozuelo namens "La Finca", in der sich die Reichen und Schönen ein Stelldichein geben. Natürlich sind hier auch Berühmtheiten abseits des Fußballs anzutreffen, wie etwa der Thyssen-Erbe Borja oder der ehemalige spanische Ministerpräsident Felipe Gonzales - nach dem hier sogar eine Straße benannt ist. Und auch wenn ihn sein Job aktuell an eine andere Adresse zwingt, so hat Pedro Sánchez bis zu seinem Umzug in die Moncloa - dem Amtssitz spanischer Ministerpräsidenten - ebenfalls in Pozuelo gewohnt.

Geht eine der massiven Türen in Pozuelo auf, so kann man einen Blick auf den einen oder anderen Fahrgast erheischen, der noch vor kurzem im C-10 saß.

Diesmal allerdings in Dienstmädchen-Uniform mit Schürze oder einer anderen Arbeitskluft. Putzfrauen, Gärtner, Kindermädchen - sie alle fahren mit dem C-10 zur Arbeit. Die Eigentümer der Villen wiederum fahren typischerweise nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Maximal sitzen sie selbst hinter dem Steuer ihres Autos. Und so erzählt man sich, dass es in Pozuelo eine Tankstelle gibt, die neben Kaugummis und Snacks auch Beluga-Kaviar und Champagner verkauft.

Ein Lokalaugenschein

Eine klare Angelegenheit von Nachfrage und Angebot. Exaltierte Fußballer sollen hier einfallen, die es nach dem Besonderen gelüstet, und das zu Zeiten, da sogar in Spanien bereits die Geschäfte geschlossen haben. So ergab es sich, dass eine Tankstelle beschloss, nicht mehr nur den 08/15-Stoff zu verkaufen, sondern auch Ware, die den Ansprüchen von Multimillionären gerecht wird.

Es ist nicht unbedingt einfach, dieses Gerücht zu überprüfen. Ein Anruf ist vergebene Liebesmüh: "Hallo, bin ich hier bei der Tankstelle X in Pozuelo?" - "Ja" - "Führen Sie auch Kaviar und Champagner?" - "Tut-tut-tut-tut..." Meist macht sich Verständnislosigkeit auf die Frage breit. Da hilft nur ein Lokalaugenschein.

Gleich die erste Tankstelle beim Bahnhof von Pozuelo erweist sich als stinknormal. Kaugummis, Kaffee und Cracker werden hier geboten. Vielleicht gibt es eine versteckte Hinterkammer, in der die teuren Produkte auf Nachfrage feilgeboten werden? Der Wart verneint. "Versuchen Sie es bei den Tankstellen direkt bei der Finca", empfiehlt er.

Der Weg führt vorbei an einem Luxuseinkaufszentrum, Bürogebäuden, die den Namen Glaspalast seiner ursprünglichen Bedeutung zuführen, und schließlich entlang des hohen Zaunes der Finca. Auch bei der nächsten Benzinzapfstelle hält der Tankwart Ausschau nach einer versteckten Kamera, als er nach Champagner und Kaviar gefragt wird. Dieselbe Szene folgt an einer weiteren Tankstelle.

Doch schließlich gibt es einen Lichtblick. Die Augen des Angestellten an Tanke Nummer 4 beginnen zu leuchten, als er nach Champagner und Kaviar gefragt wird. "Da habe ich früher gearbeitet", sagt er aufgeregt. Da sei die Dose Kaviar um 1.000 Euro verkauft worden. Nur leider gebe es die Tankstelle nicht mehr. Ein Kunde, der das Gespräch mitverfolgt hat, widerspricht: Es gebe die Tankstelle sehr wohl noch, allerdings führe sie nicht mehr dieses exklusive Sortiment.

Neuer Eigentümer

Wenige Minuten weiter auf der Autobahn ist schließlich das Ziel. Die Tankstelle ist groß, der Shop ebenso. Alles gediegen und sauber. Es gibt zwar Weine, die gut zu sein versprechen und auch preislich angehoben sind; es findet sich aber nichts, das in die Kategorie Ronaldo passen würde. "Haben Sie Champagner und Kaviar?" - "Nein, leider. Diese Produkte führen wir seit geraumer Zeit nicht mehr", antwortet die sympathische Frau an der Kassa. Ob das mit dem Wechsel Ronaldos nach Manchester zusammenhänge? "Nein, der Eigentümer hat gewechselt und jetzt haben wir keine Luxusprodukte mehr."

Was die Reichen nun machen, wenn ihnen nächtens der Kaviar ausgeht, bleibt offen. Doch irgendwie werden sie sich schon zu helfen wissen. Außerdem gibt es ein neues Gerücht: Eine Tankstelle eines konkurrierenden Erdölkonzerns soll sich an dem Geschäftsmodell versuchen. Allerdings in einer Filiale nahe des Bernabeu-Stadions im Nordosten der Stadt. Vielleicht sitzt dort ein Lateinamerikaner an der Kassa. Der C-10 würde jedenfalls auch in diese Gegend fahren.