Vor 78 Jahren, am 27. Jänner 1945, befreite die Rote Armee das deutsche Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Das Datum ist international als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus verankert. Der slowakische Widerstandskämpfer und Kaplan Ondrej Šimek war ein derartiges Opfer. Seine Geschichte, die auf Deutsch noch nicht publiziert wurde, soll hier erzählt werden.

Sie ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. So hat der Geistliche nicht nur am Slowakischen Nationalaufstand gegen die Nazis 1944 teilgenommen und ist um Haaresbreite dem Tod in Auschwitz entkommen: Er war in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen, Ende April 1945 wurde er mit 33.000 anderen Häftlingen auf einen Todesmarsch geschickt. Šimek hat das alles überlebt und seine Erinnerungen 1980 aufgeschrieben. In der Rückschau verklärt er die Torturen, die er erlitten hat, als "unermesslich wertvolle Erfahrungen".

Der Widerstandskämpfer Šimek überlebte 1945 den Todesmarsch der Häftlinge von Sachsenhausen. - © privat
Der Widerstandskämpfer Šimek überlebte 1945 den Todesmarsch der Häftlinge von Sachsenhausen. - © privat

Ende November 1944 saß Šimek jedenfalls in einem Waggon voll mit Gefangenen und harrte an der Rampe von Auschwitz der Dinge. Sein Transport wurde, da das Lager wegen Überfüllung geschlossen war, in Richtung Ravensbrück weitergeleitet. Sein Schicksal war zu diesem Zeitpunkt völlig offen, seine Überlebenschancen ziemlich gering.

Einen Großteil dessen, was er als KZ-Häftling erlebt hat, hat Šimek in den folgenden Monaten zwischen die gedruckten Zeilen eines kleinen Gebetsbuches notiert. Im KZ Sachsenhausen wurde es ihm von einem SS-Mann aus der Hand gerissen und vernichtet. Andere schriftliche Zeugnisse, darunter ein Kassiber, in dem Šimek, im Zug nach Auschwitz sitzend, um Hilfe für sich und seine Mitgefangenen bittet, sind bis heute erhalten geblieben und im Museum des Slowakischen Volksaufstandes in Banská Bystrica zu besichtigen.

Šimeks Erinnerungen wurden 2010 von seiner Familie in dem Buch "Takto to bolo", "So ist es gewesen", veröffentlicht. Eine deutsche Fassung gibt es nicht. Die tschechoslowakischen Kommunisten haben in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts die Verbreitung der Niederschrift Šimeks nicht zugelassen, da nach ihrer Lesart der Widerstand gegen die Nazis in erster Linie von kommunistischer und nicht von kirchlicher Seite erfolgt war.

Der evangelische Geistliche hat den Nationalsozialismus jedenfalls als Theologiestudent in Deutschland erlebt und die Hitler-Bewegung von Beginn an entschieden abgelehnt. Im Zweiten Weltkrieg war die Slowakei ein Vasallenstaat Deutschlands und musste mit den Nazis kooperieren. Im August 1944 begann der slowakische Widerstand damit, sich gegen die Deutschen, aber auch gegen die zahlreichen slowakischen Nazi-Kollaborateure zu erheben. Unter den Partisanen war Šimek, der dem Regierungskommissar in seiner Heimatgemeinde Batizovce den Befehl gab, die Mobilmachung zum Aufstand auszurufen.

Blutige Kämpfe mit
der deutschen Wehrmacht

Es begannen heftige Kämpfe mit der einrückenden Wehrmacht, die gegen die slowakischen "Banditen" zu Felde zog und den Aufstand relativ rasch niederschlug. Šimek versteckte sich einige Zeit in den Bergen, als er sich schließlich im November 1944 nach Batizovce aufmachte, da dort seine Eltern wohnten. Dort wurde er verhaftet und eingesperrt. Am 24. November 1944, so Šimek in seinen Memoiren, wurde er mit anderen Partisanen zunächst in Lastwägen getrieben und dann zum Bahnhof nach Prešov gefahren. "Dann pferchten sie uns in Viehwaggons mit verbarrikadierten Fenstern", ein "leerer Kübel" diente als WC, so der Pfarrer. Bevor der Gefangenentransport in Auschwitz ankommt, schreibt Šimek drei Kassiber - kleine Zettel, in denen er auflistet, wer in seinem Waggon sitzt und dass dringend Verpflegung benötigt wird. Wer den Zettel finde, der möge ihn der Familie Šimek in Batizovce oder Velicna übergeben. "Wenden Sie sich überall vertrauensvoll an Pfarrämter und helfen Sie."

Die Kassiber waren allerdings nicht leicht aus dem Waggon zu bekommen. In den Wänden gab es keinen Spalt, die Fenster waren verbarrikadiert. "Ich half mir schließlich damit, dass ich in einer der Waggonwände den Rest eines Astes hinausdrückte. Somit entstand in dem Brett ein Loch mit dem Durchmesser 1,5 Zentimeter. Durch dieses Loch beobachtete ich dann die Haltestellen, welche der Zug passierte. Dort beförderte ich die Nachrichten hinaus in der Hoffnung, dass wenigstens eine gefunden werde", so Šimek in dem Buch "Takto to bolo".

Der Zug blieb auf der Fahrt nach Auschwitz einmal in Polen stehen. Während des Aufenthaltes bekamen die Eingeschlossenen einen Kübel Wasser, auf den sich die Nächststehenden gierig stürzten, sodass Wasser verschüttet wurde, schrieb Šimek. Er habe dann das übrig gebliebene Wasser löffelweise an alle verteilt.

Der nächste Aufenthaltsort war dann die Rampe des Konzentrationslagers Auschwitz. Šimek schreibt in seinen 1980 verfassten Erinnerungen: "Da aber in dem Moment dieses Konzentrationslager überfüllt war, wies es den Zugtransport samt den Häftlingen ab." Der Zug wurde nach Ravensbrück weitergeleitet. Šimek schreibt in "Takto to bolo": "Es war am 1. Dezember 1944, als der Transportzug aus Prešov mit politischen Häftlingen aus der Slowakei (. . .) bei der Bahnhofsrampe des mecklenburgischen Städtchens Fürstenberg an der Havel stehen blieb." Dort wurde der Transport schon von SS-Männern erwartet. "Mit dem Gebrüll ‚Los! Los! Los! Ihr Hunde!‘ jagten sie die Passagiere hinaus. Nach einem kurzen Marsch gingen wir durch ein großes Eisentor des KZ Ravensbrück durch."

Ravensbrück war eigentlich ein Frauen-KZ, abgetrennt durch eine Mauer und Stacheldraht gab es einen Bereich für Männer. Hier wurde Šimek untergebracht, er bekam die gestreifte Häftlingskleidung und wurde registriert. "Ab diesem Zeitpunkt war jeder Häftling für die SS-Männer kein Mensch mehr, sondern nur eine Nummer. Meine persönliche Nummer war 12.371." Er bekam ein rotes Dreieck auf die Kleidung, das ihn als einen politischen Häftling kennzeichnete.

Die Barackenchefs, "Kapos", waren vor allem Kriminelle. "Sie waren für die SS-Männer der größte Garant für ein rücksichtsloses, hartes und grobes Umgehen mit den Häftlingen." Die Verpflegung, schreibt Šimek, war derartig dürftig, dass die Häftlinge an Gewicht verloren und krank wurden. Viele starben. Briefe nach Hause durften geschrieben werden, allerdings nur mit dem Inhalt: "Ich bin gesund, es geht mir gut und ich lasse alle grüßen." Diese Briefe haben das Konzentrationslager allerdings nie verlassen, wie Šimek herausfand. Bei Vergehen mussten alle Häftlinge auf dem Appellplatz Aufstellung nehmen und bis Mitternacht bei frostigen Temperaturen verharren. Wer umfiel, durft von den anderen nicht aufgerichtet werden.

Bei einer "Spindkontrolle" wird Šimek der lebenswichtige Löffel genommen. "Ich fing an zu heulen wie ein kleines Kind. Jetzt sollte ich meine Suppe mit bloßen Händen essen. Dies wurde von unserem Barackenkapo namens Juli bemerkt und als er den wahren Grund meines Verhaltens feststellte, passierte etwas Unglaubliches. Er rief mich zu sich und gab mir (. . .) einen Löffel, der genau aus meinem Heimatland stammte. Es handelte sich um einen Löffel aus ‚Anticorro‘ der Marke ‚Sandrik‘ mit der Nummer 20. Er kam also aus einem slowakischen Hotel, das von den deutschen Soldaten ausgeraubt wurde", schreibt Šimek.

Er hat, so berichtet seine Familie, bis zu seinem Lebensende im Jahr 1996 jeden Tag seine Mahlzeiten mit genau diesem Löffel eingenommen. Er wurde ihm bei der Beerdigung mit ins Grab gegeben.

Ausheben von Wällen
und Massengräbern

Ende Februar 1945 wurden die Häftlinge von Ravensbrück in der Früh auf dem Appellplatz zusammengetrieben und durch das KZ-Eingangstor zum Bahnhof Fürstenberg geführt. Von dort ging es in bitterer Kälte in offenen Güterwaggons weiter, 50 Kilometer in das weitaus größere KZ Sachsenhausen, etwa 35 Kilometer von Berlin entfernt. Einige überlebten die Fahrt in bitterer Kälte nicht, schreibt Šimek.

In Sachsenhausen hatte er die Nummer 135.245 und war in Block Nummer 42 untergebracht. "Der Zimmerkapo hier war wie in Ravensbrück ein grüner (krimineller) deutscher Häftling, der unter dem Namen ‚Ludwig‘ bekannt war. Er konnte grausam und unbarmherzig sein, und in einigen Fällen waren die Häftlinge Zeugen davon, wie seine Augen vor Befriedigung leuchteten, als er auf dem Zimmer Häftlinge mit 25 Rückenschlägen mit einem Gummischlauch bestrafte. Er selbst nannte dies ‚Sport treiben‘."

Angesichts des nahen Kriegsendes wurden die KZ-Häftlinge von Sachsenhausen zum Errichten von Schützengräben zur Reparatur von zerstörten Eisenbahnanlagen herangezogen. Den Häftlingen ging es darum, die Arbeiten für die deutsche Kriegsindustrie zu verschleppen, schrieb der Slowake.

"Nicht zu viel, sondern so wenig es geht auf die Schaufel nehmen", lautete die Parole. Es sei darum gegangen, der SS Arbeitseifer vorzugaukeln. Alliierte Fliegerangriffe wurden jetzt immer häufiger, ihnen waren die SS-Wachen genauso ausgesetzt wie die Häftlinge. Die Angriffe und die Nachrichten über das Vorrücken der Feinde Deutschlands, die im Radio mitgehört und in der Zeitung gelesen wurden, waren für die Moral der Häftlinge enorm wichtig. Sie gaben ihnen in verzweifelte Lage Zuversicht, dass sie nicht vergessen sind.

Schließlich wurde Šimek bei der Beerdigung von deutschen Zivilisten nach Luftangriffen eingesetzt. Die SS-Wachen verdächtigten die Häftlinge, das zu tun, was sie selbst in den Konzentrationslagern machten: Dass sie den Toten die Goldzähne herausbrechen. Deshalb wurden alle Häftlinge nach dem Arbeitseinsatz durchsucht. Dabei wurde Šimek das Gebetsbuch, in dem er alle Erlebnisse notiert hatte, abgenommen. Ein Foto seiner Eltern, das sich ebenfalls in dem Buch befand, durfte er behalten.

Der Krieg war fast zu Ende, das Martyrium aber ging weiter: Am 21. April 1945 wird das KZ Sachsenhausen evakuiert, der Todesmarsch begann. 33.000 Häftlinge verließen mit einer Notration an Proviant in Gruppen zu je 500 Personen das Lager. Wer aus Entkräftung nicht weiter konnte, wurde von einem SS-Mann mit weißer Armbinden und Rotem Kreuz darauf per Genickschuss hingerichtet. "Ich erinnere mich lebendig an drei jüdische Häftlinge, einen Vater mit seinen zwei Söhnen. Die Söhne haben den Vater, der nicht mehr weitergehen konnte, von beiden Seiten mit ihren letzten Kräften gestützt. Dann, als diese auch nicht mehr weiterkonnten, wurde der Vater von anderen Mithäftlingen übernommen", schreibt Šimek. Als die Kolonne in einem Wald übernachtete, notiert Šimek die Namen und Adressen jener Mithäftlinge, die er kennt. Die Liste gibt es heute noch.

Viele Häftlinge, die nicht mehr weiter wollten, versteckten sich im Wald in der Hoffnung, dass ihr Fehlen beim Morgenappell nicht entdeckt würde. Einer versteckte sich im Schuppen unter dem Heu, ein SS-Mann stach bei der Suche sein Bajonett ins Heu und traf den Versteckten, der verblutete. Es gelang in der Folge immer mehr Häftlingen, sich von der Kolonne abzusetzen.

"Erfahrungen, die
unglaublich wertvoll sind"

"Es war ein Wettlauf zwischen Leben und Tod", schreibt der Kaplan, in 13 Tagen legten die Häftlinge rund 260 Kilometer zurück. Am 3. Mai war der Marsch dann zu Ende. Die Häftlinge und die eskortierende SS waren nur noch wenige Kilometer von amerikanischen auf der einen und sowjetischen Einheiten auf der anderen Seite entfernt. Schließlich werden sie von den Amerikanern befreit. Die SS-Männer wurden teilweise verprügelt, aber nicht umgebracht. Sie mussten dann die befreiten Häftlinge bedienen.

Zuletzt steht für Šimek fest: "Die KZ-Häftlinge haben den Kampf mit dem Faschismus gewonnen." Dadurch, dass sie bei ihren Einsätzen bewusst langsam gearbeitet hätten, hätten sie Sand in das Getriebe der deutschen Kriegsmaschinerie gestreut. Zudem hätten sie es verstanden, den Zusammenhalt zu wahren und solidarisch zu bleiben. Und die Häftlinge hätten sich moralisch nicht brechen lassen.

In einem Brief an einen befreundeten Pfarrer zieht Šimek 1985, also 40 Jahre später, Resümee. Er würde seinem besten Freund einen Aufenthalt im KZ wünschen - mit der Bedingung, dass dieser überlebe. Denn: "Die Erfahrungen aus dem Leben im Konzentrationslager sind unermesslich wertvoll. Somit kannte ich mich besser mit den Menschen aus, ich konnte abschätzen, wie viel der Mensch im Stande ist zu ertragen, wann er nicht mehr kann, was man von ihm erwarten kann und was nicht mehr. Dort (im KZ, Anm.) konnte er sich nicht verstellen, keine Rolle spielen (. . .)."

An der Mauer des Gemeindeamtes von Batizovce ist mittlerweile eine Gedenktafel zur Erinnerung an den Widerstandskämpfer und Überlebenden zweier Konzentrationslager, Ondrej Šimek, angebracht worden.