Am 12. Juni 1994 stimmten zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung für den Beitritt zur EU. Zehn Jahre später sorgen vor allem die vielzitierten Preiserhöhungen durch den Euro für einigen Unmut. Aber auch die Erweiterung weckt manche Ängste vor der befürchteten Konkurrenz aus dem Osten.

"Ich habe damals gegen den Beitritt gestimmt, weil ich dadurch Verschlechterungen befürchtet habe", erklärt die 48-jährige Brigitte. Was die Hausfrau damals erwartet hatte, sei auch voll und ganz eingetreten: "Spätestens durch den Euro ist alles teurer geworden." Durch die Erweiterung am 1. Mai werde sich die Situation keineswegs verbessern, glaubt Brigitte. "Es werden nur noch mehr Ausländer nach Österreich kommen uns bringt das sicher keine Vorteile."

Anton (73) fühlte sich 1994 "von Rot-Schwarz verkauft. Durch den unüberschaubaren Zentralismus geht viel von unserer Souveränität verloren". Den neuen Mitgliedsstaaten werde es nicht viel besser ergehen. "Die vielen Kleinbauern in den Beitrittsländern werden im EU-Wettbewerb nicht mithalten können. Die Wirtschaft ist ja so aufgebaut, dass ein paar Große diktieren und die Kleinen gehorchen müssen", meint der pensionierte Schuldirektor.

Er kann sich nicht vorstellen, "dass ein geeinigtes Europa mit 25 Mitgliedstaaten überhaupt funktioniert". Sollte dies aber tatsächlich gelingen, so sieht Anton doch auch einen positiven Aspekt: Kriege wie jene, die es in den letzten 200 Jahren gab, würden dann vielleicht nicht mehr vorkommen.

Dieser Argumentation schließt sich auch der 38-jährige Robert an: "Neid ist ein hoher Motivator für Aggressionen. Wenn es gelingt, alle Länder wirtschaftlich und sozial auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, ist viel gewonnen."

EU als einmalige Chance

Dass der Weg bis dahin lange werden kann, ist ihm klar. "Natürlich wird der Wohlstand in den ,reicheren‘ Ländern langfristig stagnieren." Er kennt auch die Ängste vieler Österreicher vor der Konkurrenz durch fremde Arbeitskräfte. "Die ehemals kommunistischen Staaten können ihren Rückstand nicht in zehn Jahren locker aufholen, das dauert länger." Doch das Beispiel Spaniens berechtige zur Hoffnung: "Die haben auch lange Zeit Unterstützungen bekommen und zählen jetzt zu den Großen." Gäbe es heute eine EU-Abstimmung, würde Robert wieder für den Beitritt stimmen. "Die EU ist eine große Chance, einen politischen Gegenpol zur ,Weltpolizei‘ USA zu schaffen." Abgesehen davon sei ein grenzüberschreitendes Recht auf freie Wahl von Wohnort und Arbeitsplatz ebenso positiv wie "die kulturelle Bereicherung durch unsere Nachbarn aus dem Osten".

Johann (48) möchte nicht, dass die EU "ein ähnliches Gebilde wird wie die USA". Kämen in diesem Fall Extremisten an die Macht, "könnten sie diese umso leichter missbrauchen", meint der Facharbeiter im grafischen Gewerbe und zitiert den Ökonomen Fritz Schumacher: "Small is beautiful." Handelsbeziehungen sollten bevorzugt bilateral erfolgen. Die Beitrittsländer müssten sich bewusst sein, "dass sie auch Kompetenzen abtreten müssen. Die Vor- und Nachteile sind derzeit für alte und neue Mitglieder in etwa gleich."