Der Verhandlungssaal des "Vatileaks"-Prozesses - © APAweb/EPA/ L'OSSERVATORE ROMANO
Der Verhandlungssaal des "Vatileaks"-Prozesses - © APAweb/EPA/ L'OSSERVATORE ROMANO

Rom. Im Vatikan hat der spektakuläre Prozess gegen den Ex-Kammerdiener von Benedikt XVI., Paolo Gabriele, begonnen, der sich wegen des Vorwurfs des schweren Diebstahls von Akten des Papstes verantworten muss. Zwei Stunden und 15 Minuten dauerte das Verfahren gegen den 46-jährigen Butler und gegen den Informatik-Experten Claudio Sciapelletti, dem Beihilfe vorgeworfen wurde. Die Verhandlung wurde auf den kommenden Dienstag vertagt. Weitere Gerichtsverhandlungen sind danach täglich bis zum 6. Oktober vorgesehen.

  Der Präsident des vatikanischen Gerichts, Giuseppe Dalla Torre, berichtete, dass das Verfahren gegen den Butler bereits kommende Woche zu Ende gehen könnte. Bei der Gerichtsverhandlung am Dienstag soll Gabriele vor den Richtern aussagen.

  Die Richter beschlossen die Trennung des Prozesses gegen Gabriele von jenem Sciarpellettis. Kein Termin wurde für die Fortsetzung des Verfahrens gegen den Informatik-Experten bekanntgegeben, der im Gegensatz zu Gabriele vor Gericht nicht anwesend war. Sciarpelletti wurde von seinem Anwalt vertreten und erklärte sich unschuldig. Der Rechtsanwalt begründete die Trennung des Verfahrens gegen seinen Mandanten von jedem gegen Gabriele, damit, dass die Vorwürfe gegen den Informatikexperten wesentlich gravierender als jene gegen seinen Kunden seien.

Auch Privatsekretär des Papstes unter Zeugen
  Acht Zeugen sollen bei den nächsten Gerichtsverhandlungen im Prozess gegen Gabriele aussagen. Zu ihnen zählt auch der Privatsekretär des Papstes, Bischof Georg Gänswein, sowie eine Hausdame des Heiligen Vaters aus der Geistlichen Gemeinschaft "Memores Domini" und sechs Gendarmen. Beim Prozess gegen den Informatikexperten sollen fünf Zeugen vorgeladen werden, Gabriele selber, der Chef der vatikanischen Gendarmerie, Domenico Giani, und sein Mitarbeiter Gianluca Gauzzi Broccoletti, der Vizekommandant der Schweizergardisten, William Kloter, und Bischof Carlo Maria Polvani

  Der Prozess fand in einem kleinen Gerichtssaal hinter der Peterskirche statt. Zu den Verhandlungen wurde lediglich ein Pool aus acht Printmedien- und Agenturjournalisten zugelassen, die den Kollegen dann über die Entwicklungen des Prozesses berichteten. Fotos oder TV-Bilder des Angeklagten im Gerichtssaal gab es keine. Ein Richter-Trio führte den Prozess.

  Der angeklagte Ex-Kammerdiener wurde von einigen Gendarmen in den Gerichtssaal eskortiert. Kein Familienangehöriger begleitete den Ex-Butler, der in einem hellgrauen Anzug regungslos die Gerichtsverhandlung neben seiner Rechtsanwältin Cristiana Arru verfolgte. Im kleinen Gerichtssaal waren neben den beiden Angeklagten und ihren Rechtsanwälten, den Richtern, acht Journalisten insgesamt circa 30 Personen anwesend. Einige Beweise, die während der Untersuchung gegen Gabriele gesammelt worden waren, wurden vom Gericht abgelehnt.

Reichlich Material
  Eine beträchtliche Menge von Material wurde in der Wohnung Gabrieles beschlagnahmt. 82 Schachteln mit Dokumenten wurden in Zusammenhang mit der Untersuchung vom Chef der vatikanischen Gendarmerie Giani gesammelt. Teil der Dokumente stammen aus dem Computer Gabrieles.

  Noch unklar sind die Hintergründe, die den seit 20 Jahren im Staatssekretariat tätigen Gabriele zur Entwendung der vertraulichen Papst-Dokumente bewogen haben. Laut Ermittlungen hatte der frühere päpstliche Kammerdiener dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi zahlreiche kopierte Briefe und Geheimdokumente aus der Wohnung des Papstes weitergereicht. Als die Dokumente veröffentlicht wurden, spekulierten Beobachter, innervatikanische Flügelkämpfe seien die wahre Ursache für den Vertrauensbruch gewesen, eines der Angriffsziele sei Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Nuzzis Buch "Sua Santità" sorgte in den vergangenen Monaten weltweit für Schlagzeilen. Nuzzi erklärte sich mit Gabriele solidarisch. In einem Tweet schrieb der Journalist: "Viel Glück, mutiger Paolo! Wir dürfen ihn nicht allein lassen".