Rom. Er half dem Pontifex beim Ankleiden, bediente ihn beim Essen, bereitete sein Schlafzimmer vor, und begleitete ihn auf Reisen. Als Päpstlicher Kammerherr stand Paolo Gabriele wie nur ganz wenige dem Papst nahe. Der 46-jährige Gabriele, den der Heilige Vater gern "Paoletto" (Paulchen) nannte, war seit sechs Jahren wie Benedikts Schatten. Neben den Privatsekretären Georg Gänswein und Alfred Xuereb sowie vier Nonnen gehörte er zu den engsten Mitarbeitern des Pontifex. Auf unzähligen Fotos ist der pflichttreue Familienvater, der im Vatikan wohnen durfte, direkt neben Benedikt zu sehen. Alle Schlüssel zu Türen und Schreibtischen hatte Gabriele in seiner Tasche. Deshalb konnte er in den privaten Gemächern des Heiligen Vaters ein- und ausgehen. Doch neben seiner Tätigkeit als treuer Diener führte Gabriele ein Doppelleben.

Systematisch soll der fromme Vatikan-Bürger und verheiratete Vater von drei Kindern vertrauliche Briefe und Dokumente vom Schreibtisch des Papstes gestohlen und an den Journalisten Gianluigi Nuzzi weitergereicht haben. Dieser veröffentlichte die brisanten Dokumente in seinem Bestseller "Sua Santitá" (Seine Heiligkeit). Das Buch berichtet von schweren Machtkämpfen an der Kirchenspitze, sogar von einem Mordkomplott gegen den Papst, sowie von düsteren Geldwäsche-Geschäften der Vatikanbank IOR. Mit den an die Öffentlichkeit gebrachten Dokumente löste Gabriele den Skandal "Vatileaks" aus, der den Heiligen Stuhl als ein Hort der Intrigen und Machtspiele erscheinen lässt.

Brisante Funde
Erschwert hat sich Gabriele seine Position dadurch, dass die Polizei in seiner Wohnung nicht nur entwendete Dokumente fand, sondern neben einem Buch aus dem 16. Jahrhundert auch einen Scheck über 100.000 Euro sowie einen Goldklumpen entdeckte, die beide als Geschenke an den Papst gehen sollten. Für "kaum glaubwürdig" halten die Ermittler die Beteuerungen Gabrieles, er habe das teure Buch aus dem 16. Jahrhundert nur für den Schulunterricht seines Sohnes ausgeliehen und ebenso zurückbringen wollen wie den Scheck und das Goldstück. Wegen des "schweren Diebstahls" päpstlicher Geheimdokumente musste Gabriele bereits 53 Tage in Untersuchungshaft verbringen.

Aber warum soll Benedikts Butler die Dokumente entwendet haben? Finanzielle Motive werden ausgeschlossen. Den Ermittlern in der Affäre sagte Gabriele, er habe die gestohlenen Papiere weitergegeben, um gegen "das Böse und die Korruption" vorzugehen. Überall sah er "Korruption und Verfall" in der Kirche. Daher habe er gedacht, "dass ein Schock - auch über die Medien - heilsam sein und die Kirche aufs richtige Gleis zurückführen" könne. Er bezeichnete sich dabei selbst als "Mittler" des Heiligen Geistes.

Mensch von "einfacher Intelligenz"
Psychologische Gutachter, die im Auftrag der vatikanischen Justiz Benedikts den Kammerdiener beobachteten, bezeichneten ihn als Mensch von "einfacher Intelligenz". Ständig habe man ihn "anleiten und führen" müssen. Daher bezweifeln viele Beobachter, dass "Paoletto" allein gehandelt habe. Im Vatikan war man schon länger auf der Suche nach einem Spion. Seit Anfang des Jahres waren immer wieder Geschichten über Machtkämpfe an die Öffentlichkeit gekommen, die nur aus internen Vatikan-Kreisen stammen konnten. Im Vordergrund stand dabei der Unmut hochrangiger Kurienmitglieder mit dem vatikanischen Kardinalsekretär Tarcisio Bertone, der als Außenseiter betrachtet wurde, weil er nicht aus der vatikanischen Diplomatie stammte und mit dem administrativen System der Kurie nicht vertraut ist.

Wer sind also die Hintermänner in der Vatileaks-Affäre? Vatikan-Insider gehen davon aus, dass der untreue Butler mehrere Komplizen hatte. In einem im Februar ausgestrahlten TV-Interview behauptete der unkenntlich gemachte und mit verzerrter Stimme präsentierte Gabriele, dass es etwa 20 Personen im Vatikan gebe, die wie er zu Enthüllungen bereit seien, um Transparenz zu sichern. Nach Vermutungen von Experten wollten mehrere Leute dem Papst mit der Aktion schaden.

Gabriele eine "mutige Person"
Der Autor des Enthüllungsbuchs Nuzzi soll jedenfalls nicht der Kopf der Verschwörer sein. Der Journalist versicherte, dass er lediglich seine Pflicht als Reporter erfüllt und vertrauliche Dokumente aus dem Vatikan im Interesse der Öffentlichkeit gedruckt habe. Laut Nuzzi sei Gabriele kein Sündenbock, sondern eine "mutige Person". "Gabriele hat bestimmt das Vertrauen des Heiligen Vaters verraten, doch wir müssen uns fragen, warum er es getan hat. Er hat es getan, weil er vor seinen Augen nur Vorwürfe der Korruption gesehen hat, die von wichtigen Bischöfen erhoben wurden, undurchsichtige Beziehungen zwischen Staaten und eine Reihe von Problemen, die den Vatikan erschütterten", betonte Nuzzi.

Gabrieles Doppelleben könnte ihm jetzt teuer zu stehen kommen. Dem untreuen Kammerdiener drohen bis zu sechs Jahren Haft, die er in einem Gefängnis in Italien absitzen könnte. Einzige Hoffnung ist für ihn die Barmherzigkeit des Papstes. Nicht ausgeschlossen wird, dass der Heilige Vater seinem langjährigen Diener trotz allem verzeihen und ihn begnadigen wird.