Herr Stojka vor seinem Haus im Roma-Viertel Flores von Ploiesti: 90 Prozent Arbeitslosigkeit, die Menschen leben vom Kindergeld. Hoffnung auf Zukunft - Fehlanzeige. - © Thomas Seifert
Herr Stojka vor seinem Haus im Roma-Viertel Flores von Ploiesti: 90 Prozent Arbeitslosigkeit, die Menschen leben vom Kindergeld. Hoffnung auf Zukunft - Fehlanzeige. - © Thomas Seifert

Bukarest. Die Gegend in Ploiesti - 60 Kilometer nördlich von Bukarest - könnte schlechter nicht sein: Die Schlote der eingemotteten Astra-Raffinerie ragen in den Himmel, die Straßen tragen Namen wie Strada Rafinorilor, Strada Fabricilor, Bulevardul Petrolului, Strada Industrie. Das Lokal in der Nähe des Industrieviertels heißt "Club Puff". Und dort, wo die Straßen, die zu Schotterpisten mutiert sind, keine Namen mehr haben, befindet sich die Siedlung Flores, in der 1800 Roma leben.

George Vasile ist Dorf-Vorsteher, er rattert das in Zahlen gegossene Elend seiner Dorfgemeinschaft herunter: Arbeitslosigkeit 80 bis 90 Prozent, viele Familien leben vom Kindergeld, macht 8 bis 9 Euro pro Kind pro Monat, die meisten Familien haben 6, 8 oder 10 Kinder.

Rumänien ist eines der ärmsten Länder Europas und die Roma, die im Viertel Flores von Ploesti wohnen sind unter den ärmsten Menschen Rumäniens. Wer hier geboren wird, für den hält das Leben kaum Möglichkeiten bereit. Die drei Töchter und zwei Söhne der Familie Stojka hatten dieses Pech. Eine dünne Suppe steht am Herd, im engen, himmelblau ausgemalten Zimmer gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Das Haus der Familie Radokano ist in einem noch schlimmeren Zustand. Ein Teil des Dachs ist eingestürzt, Häuser wie jenes der Familie Radokano assoziiert man instinktiv mit Dharavi, einem Slum in Bombay oder mit Tanah Abang, dem bekannten Slum von Jakarta, der direkt an den Bahngleisen liegt. Doch Flores liegt in der Europäischen Union, knapp 1035 Kilometer südöstlich von Wien.

Häuser aus Lebkuchen

Beim Bäcker Andreas Resch bekommen Söhne und Töchter aus den Familien wie der Stojkas oder der Radokanos und aus Siedlungen wie Flores eine Bäckerausbildung und damit zumindest den Funken einer Chance. Die Bäckerei beliefert die verschiedenen sozialen Einrichtungen der österreichischen Hilfsorganisation Concordia in Rumänien, zuletzt wurden die Produkte auch an lokale Abnehmer verkauft. Es riecht nach Weihnachten in der Concordia-Bäckerei, die Lehrlinge produzieren Weihnachtskekse und Lebkuchenhäuser, die sie mit Eiszapfen und Schnee aus Zuckerguss verzieren.

Resch, ein junger, charismatische Oberösterreicher, arbeitet seit seiner Zivildienstzeit bei der von Pater Georg Sporschill gegründeten Hilfsorganisation und die jungen Rumänen, die von ihm eine Ausbildung bekommen, brauchen von ihm meist mehr als die Rezeptur für eine neue Schwarzbrotmischung oder andere Bäckertipps.

Resch erzählt von langen Gesprächen mit seinen Schützlingen, von nächtlichen Telefonaten, vom zähen Ringen, die jungen Leute von der Straße in ein geordnetes Leben zu holen, er erzählt von Rückschlägen und Erfolgserlebnissen: von einem seiner Schützlinge, der auf die Straße zurückgekehrt ist, weil er "die Freiheit vermisst hat". Und davon, wie er wieder heimgefunden hat in die Bäckerei.

Andreas Resch, das wird aus seinen Erzählungen rasch klar, ist nicht nur Bäckermeister, er ist auch Sozialarbeiter.

Denjenigen, die im Concordia-Haus "Lazarus" leben, hat das Leben noch schlechtere Karten in die Hand gegeben. Die jungen Menschen hier kommen direkt von der Straße. Das Haus liegt verkehrsgünstig im Sektor 1 in Baneasa im Norden von Bukarest. Der Bus mit der Nummer 205 fährt direkt vom verrufenen Nordbahnhof hierher. Und am Nordbahnhof versammelt sich die Drogenszene von Bukarest. An die Zeit, als Lackschnüffeln en vogue war, erinnern sich Sozialarbeiter Costín Nedelcu mit Wehmut zurück. Und das sei nicht zynisch gemeint, sagt er. Denn die Szene verwende heute fast ausschließlich sogenannte "ethnobotanische" Drogen, eine Mischung aus dem extrem gefährlichen Crystal Meth und Acid. Die Substanzen werden intravenös gespritzt, die Spritzen werden in der Gruppe weiterverwendet, was dazu geführt hat, dass die Aids-Raten in die Höhe geschnellt sind.

Was Nedelcu den zumeist jungen obdachlosen Süchtigen bieten kann, ist wenig und viel zugleich: ein Dach über dem Kopf, ein wenig Wärme im Winter, etwas im Magen und ein bisschen Sicherheit und Stabilität.

Hintergrund

Die Organisation Concordia Sozialprojekte wurde 1992 von Pater Georg Sporschill ins Leben gerufen und hilft heute hunderten Jugendlichen in Rumänien, Bulgarien und der Republik Moldau. Kontoverbindung von Concordia: Raiffeisenbank Wien

Kto.Nr.: 7.034.499, BLZ: 32.000