Bern. Ein Amoklauf sorgt weltweit für Aufsehen: Am Mittwoch um 20.50 Uhr fallen in dem 400 Einwohner zählenden Daillon Schüsse, viele Bewohner des Schweizer Bergdorfes denken zunächst an zuschlagende Fensterläden. Doch schnell ist klar, dass ein 33-jähriger Bewohner des Ortes wild um sich feuert. Die Polizei wird verständigt, 15 Minuten nach dem Alarm trifft ein Spezialkommando ein. Der Mann schießt noch immer um sich und bedroht die Einsatzkräfte; diese erwidern das Feuer, der Schütze bricht zusammen und wird schwer verletzt auf die Intensivstation gebracht.

Schnell ist das ganze Ausmaß des Amoklaufes klar: Drei Frauen im Alter von 32, 54 und 79 Jahren sind tot, der Partner der 32-Jährigen ist schwer im Bereich des Unterleibs verletzt und liegt ebenfalls auf der Intensivstation. Ein 63-Jähriger wird an der Schulter verletzt. Der mutmaßliche Täter, F., benutzte zwei Waffen - ein Jagdgewehr und einen alten Armee-Karabiner. Laut Ermittlern hat er zunächst gezielt aus seiner Wohnung geschossen, um dann auf die Straße zu stürmen und weitere Dorfbewohner ins Visier zu nehmen.

Der Schütze ist den Schweizer Behörden bekannt. Seit 2005 ist er in psychiatrischer Behandlung, er steht unter Vormundschaft und hat offenbar mit Drogenproblemen zu kämpfen. Die Gründe für seine Einlieferung sind derzeit noch unklar.

F. hat seine Opfer gekannt. Wie er an die zwei Gewehre gekommen ist, ist der Polizei schleierhaft. Er hat nachweislich früher Waffen besessen, diese wurden ihm allerdings entzogen, als er zum ersten Mal in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde.

Dem Amoklauf vom Mittwoch ist eine Reihe ähnlicher Vorfälle vorangegangen. Im Juli 2012 werden ein Mann und sein Sohn erschossen. Tatwaffe: ein Sturmgewehr der Schweizer Armee. Ein Jahr zuvor erschießt ein 35-Jähriger bei der Zwangsräumung seiner Wohnung einen Polizisten mit einer Armeepistole. Im September 2010 wehrt sich ein Pensionist unter Einsatz eines ganzen Waffenarsenals gegen die Zwangsräumung seines Hauses, ein Polizist wird schwer verletzt.

Am 27. September 2001 erschießt ein Mann aus Wut auf die Behörden im Zuger Kantonsparlament 14 Personen, ebenfalls mit einem Armee-Sturmgewehr und einer Repetier-Schrotflinte, dann richtet er die Waffe gegen sich selbst. Der Mann ist nicht der einzige, der so endet: Pro Jahr begehen 90 Schweizer unter Verwendung von Armee-Waffen Selbstmord.

Debatte über Waffenverbot

2011 stimmen die Schweizer über eine Verschärfung des Waffenrechts ab, den Initiatoren geht es um das berühmte "Sturmgewehr im Kleiderschrank": "Jährlich kommen in der Schweiz rund 300 Menschen durch Schusswaffen ums Leben. Das sind 300 zu viel", wirbt damals ein Bündnis aus linken Parteien, Kirchen, Friedens- und Frauenorganisationen. Doch die Schweizer stimmen mit einem klaren Nein. Das Volk lasse sich nicht so einfach entwaffnen, kontern die Konservativen; ein Offizier posiert auf Plakaten sogar nackt, seine Waffe vor den Intimbereich haltend. Die Schweizer, die seit Generationen keinen Krieg mehr kennen, sehen sich in erster Linie als wehrhafte Nation; jeder soll die Waffe griffbereit haben, um das Land im Ernstfall verteidigen zu können. Am Land haben die Gegner eines restriktiven Waffengesetzes völlig die Oberhand, 70 Prozent votieren mit Nein, landesweit sind es immerhin 57 Prozent.

Das Armee-Gewehr bleibt im Kleiderschrank, die allgemeine Bewaffnung ist weiterhin Teil des Selbstverständnisses. Selbst die renommierte "Neue Zürcher Zeitung" spricht sich gegen eine Verschärfung des Waffengesetzes aus. Absolute Sicherheit gebe es nicht, heißt es hier, auch die strengsten Auflagen könnten Dramen nicht verhindern.

Während man in der Schweiz bemüht ist, die Wogen zu glätten, erregt der Amoklauf vor dem Hintergrund des US-Schulmassakers in Newtown weltweit großes Aufsehen. BBC und CNN berichten groß, auf Twitter wird heftig über den Sinn eines generellen Waffenverbotes debattiert.