Papst Benedikt XVI.: Von der Bürde des Amtes gezeichnet. - © ap
Papst Benedikt XVI.: Von der Bürde des Amtes gezeichnet. - © ap

Rom. Offiziell gilt weiterhin das fortgeschrittene Alter als Grund für den Rücktritt von Papst Benedikt XVI., der darauf hinweisen kann, dass nur vier seiner 264 Vorgänger bei ihrem Tod älter waren als er heute. Unter Vatikan-Insidern wird einen Tag nach der überraschenden Rücktritts-Ankündigung aber heftig über die wahren Hintergründe spekuliert. Die römische Tageszeitung "la Repubblica" schreibt in ihrer Dienstagausgabe, dass der Papst mit seinem aufsehenerregenden Schritt den Machtkampf innerhalb der Kurie beenden wollte, der zwischen Staatssekretär Tarcisio Bertone und einigen Kardinälen tobt und durch beispielslose Indiskretionen im Vorjahr an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Bertone, ein enger Mitarbeiter des Papstes seit dessen Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation, war von diesem im September 2006 zum Staatssekretär des Vatikan bestellt worden und machte sich in der Kurie und darüber hinaus mächtige Feinde. "la Repubblica" nannte in diesem Zusammenhang Kurienkardinal Rino Fisichella und den früheren Privatsekretär von Papst Johannes Paul II., den Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz, die gemeinsam mit anderen Anhängern des verstorbenen polnischen Papstes einen Krieg gegen den Kardinalstaatssekretär führen würden.

Zuvor hatte bereits der mächtige frühere Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, Bertone heftig kritisiert, weil dieser den Generalsekretär des Governorats der Vatikanstadt, Carlo Maria Vigano, der Korruptionsfälle innerhalb des Vatikans angeprangert hatte, als Nuntius in die USA abgeschoben hatte. Als Generalkämmerer (Camerlengo) ist Bertone seit April 2007 auch für die Finanzangelegenheiten des Vatikans zuständig und damit auch für die Vatikanbank IOR, deren undurchsichtige Geschäfte und Verbindungen zu Mafiakreisen ein ständiger Zankapfel zwischen den höchsten Würdenträgern des Heiligen Stuhls sind.

Als im Mai des Vorjahres der Chef der Vatikan-Bank, Ettore Gotti Tedeschi, der sich zum Ziel gesetzt hatte, mit dem intransparenten Finanzgebaren des Instituts aufzuräumen, gefeuert wurde, soll der Papst zwar wütend gewesen und in Tränen ausgebrochen sein, öffentlichen Widerstand hat er aber nicht gezeigt, um es nicht zum Bruch mit Bertone kommen zu lassen.

Kardinalsfront gegen den Kardinalstaatssekretär


Zuletzt wurde die Front jener Kardinäle, die Bertone kritisch gegenüberstehen, immer breiter. Auch der derzeitige Chef der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, sowie der als möglicher neue Papst gehandelte Erzbischof von Mailand, Kardinal Ettore Scola, und dessen Vorgänger, Kardinal Dionigi Tettamanzi, gelten als prononcierte Bertone-Gegner. Papst Benedikt XVI. hielt aber trotz all dieser Kritik an Bertone fest und hat erst vor wenigen Wochen ein Rücktrittsgesuch, das der 78-jährige Staatssekretär anlässlich der Erreichung seines 75. Geburtstages eingereicht hatte, abgelehnt.

Seine passive Haltung brachte dem Papst wiederholt den Vorwurf ein, er sei zwar ein Mann der Bücher, kümmere sich aber zu wenig um das Regieren und habe nicht für Transparenz im Vatikan gesorgt.

Tatsächlich hatte der Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, der im Vorjahr überführt wurde, geheime Dokumente aus dem Vatikan der Öffentlichkeit zugespielt zu haben, sein Tun damit begründet, dass er Benedikt vor gewissen Kreisen habe schützen und aufrütteln wollen. Die unter dem Namen "Vatileaks" bekannt gewordene Affäre wäre mit ein Meilenstein auf dem Weg zum Rücktritt des Papstes gewesen, meinen Vatikan-Insider. Hinter dem inzwischen zu 18 Monaten Haft verurteilten, aber schon wieder freigelassenen Paolo Grabriele stehe eine Gruppe von vatikanischen Dissidenten, die den Machtkampf in der Kurie an die Öffentlichkeit bringen wollten, meinte der seit vier Jahrzehnten tätige Vatikan-Berichterstatter Marco Politi, der in seinem im Vorjahr erschienenen Buch "Benedikt. Krise eines Pontifikats" dem Papst Führungsschwäche vorgeworfen hatte.