Athen/Istanbul. (n-ost). Das Thema erregt in der Türkei derzeit die Gemüter: Die islamisch-konservative Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) von Premier Recep Tayyip Erdogan hat kürzlich neue gesetzliche Beschränkungen für den Verkauf und Ausschank von alkoholischen Getränken in einer Nachtsitzung durchs Parlament gepeitscht. Ähnlich wie seit Jahren am "Türban", dem islamischen Kopftuch, entzündet sich nun in der Türkei am Alkohol eine hochemotionale Debatte.

Dabei geht es um viel mehr als ein Glas Wein im Restaurant oder ein kühles Bier nach Feierabend. Zur Debatte stehen die Rolle der Religion in Staat und Gesellschaft, der künftige Weg des Landes an der Nahtstelle des islamischen Orient zum säkularen Westen und die Freiheiten seiner Bürger. Die Alkohol-Kontroverse eskaliert zum Kulturkampf.

Noch steht das neue Alkohol-Gesetz nur auf dem Papier. Erst muss Präsident Abdullah Gül unterschreiben, anschließend wird es im Gesetzblatt veröffentlicht, und bis die Restriktionen in Kraft treten, werden dann weitere 90 Tage vergehen. Danach aber wird es schwierig, in der Türkei an ein Bier zu kommen. Einzelhändler müssen alkoholische Getränke so verstecken, dass sie nicht sichtbar sind. Nach 22 Uhr darf kein Alkohol mehr verkauft werden. In der Umgebung von Moscheen und Bildungseinrichtungen werden künftig keine Alkohol-Konzessionen mehr vergeben. In der Praxis läuft das auf ein flächendeckendes Verbot hinaus.

Premier Erdogan, selbst ein strikter Abstinenzler, bestreitet, dass es um ein Alkoholverbot geht. Wer trinken wolle, der könne das weiterhin zu Hause tun, sagt Erdogan. Er macht aber auch unmissverständlich klar, was er von Raki- und Weintrinkern hält: Alkohol sei "die Mutter alles Bösen", erklärte Erdogan diese Woche vor seiner Parlamentsfraktion. Und dann fiel jener Satz, eine rhetorische Frage, die jetzt für Aufregung sorgt: Verdiene denn ein Gesetz, das auf den Geboten der islamischen Religion beruhe, weniger Respekt als die bisherige Alkohol-Gesetzgebung, die auf "zwei Trinker" zurückgehe?

Viele Türken glauben zu wissen, wen Erdogan meinte: Vom Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk weiß man, dass er ein Agnostiker war und dem Raki zusprach, dem traditionellen türkischen Anisschnaps - wohl über die Maßen, denn Atatürk starb 1938 im Alter von 57 Jahren an Leberzirrhose. Mit dem zweiten "Trinker" könnte Erdogan Atatürks engen politischen Weggefährten und Nachfolger Ismet Inönü (1884-1973) gemeint haben, obwohl man über dessen Trinkgewohnheiten weniger weiß.

Alkohol-Restriktionen seien ein Gebot des Islam

Alkohol wurde schon einmal 1920 in der Türkei verboten. Das Land folgte damit dem Vorbild der ein Jahr zuvor in den USA und einigen skandinavischen Ländern eingeführten Prohibition. 1924, ein Jahr nach der Ausrufung der Republik durch Atatürk, wurde das Verbot wieder aufgehoben.

Die oppositionelle Republikanische Volkspartei (CHP), einst von Atatürk gegründet und ganz in dessen laizistischer Tradition, ist empört. Sie will in einer parlamentarischen Anfrage wissen, auf wen Erdogans Wort von den "zwei Trinkern" gemünzt war. "Wenn er Atatürk und Inönü gemeint hat, dann Schande über ihn!", erregt sich der CHP-Vize-Fraktionschef Muharrem Ince. Erdogan hat sich bisher nicht erklärt. Aber sein Eingeständnis, dass die neuen Alkohol-Restriktionen ein Gebot des Islam seien, beunruhigt viele weltlich orientierte Türken.

Dass Erdogan die Welt zunehmend durch die religiöse Brille betrachtet, zeigte sich auch Mittwoch dieser Woche beim ersten Spatenstich für die dritte Bosporus-Hängebrücke. Das Datum der Zeremonie war geschichtlich aufgeladen: der 560. Jahrestag der Eroberung Konstantinopels, des alten Byzanz, durch die Osmanen. In seiner Rede bezeichnete Erdogan die Ära des christlichen Byzanz als "dunkles Kapitel". Mit dem Sieg der muslimischen Osmanen über das Byzantinische Reich habe dann ein "Zeitalter der Erleuchtung" begonnen.