München/Wien. (red) Das Urteil war klar und eindeutig: Unter einem "paranoiden Wahnsystem" leide der Angeklagte Gustl Mollath, folgte das Landgericht Nürnberg im August 2006 den Gutachten. Der Justiz gilt Mollath als gemeingefährlich, denn er habe seine Ex-Frau gewürgt und die Reifen dutzender Autos zerstochen. Seit knapp sieben Jahren ist der mittlerweile 56-Jährige im Bezirksklinikum Bayreuth untergebracht. Niemand nahm von ihm Notiz, keiner glaubte ihm. Mollath drohte, in der Versenkung der Psychiatrie zu verschwinden.

Doch nun steht Mollath im Scheinwerferlicht, findet Gehör. Der bayerische Landtag hat eigens einen Untersuchungsausschuss zu seiner Causa eingerichtet, am Dienstag sagte Mollath dort aus. Der frühere Restaurateur teurer Autos warf dabei seiner Ex-Frau illegale Schwarzgeldgeschäfte vor. 2003 zeigte Gustl Mollath seine Frau, die Mitarbeiterin bei der HypoVereinsbank (HVB) war, mehrere ihrer Kollegen und 24 Kunden an. Kern der Vorwürfe: Sie seien in Schwarzgeldgeschäfte in der Schweiz verwickelt. Sie habe als Bankerin der HypoVereinsbank - diese gehört wie die Bank Austria zur italienischen UniCredit und zählt zu Deutschlands größten Banken - im Auftrag ihres Arbeitgebers illegal Schwarzgelder von Bankkunden in die Schweiz geschafft, später hinter dem Rücken der Bank Schwarzgeld-Transfers eingefädelt.

Beweisstücke wurden
nicht sichergestellt

Nachgegangen wurde den Anschuldigungen über Jahre nicht. Stattdessen deuteten Richter und psychiatrische Gutachter Mollaths Schwarzgeldgeschichten als Beleg für seinen angeblich gefährlichen Wahn. Die Bank leitete zwar intern Maßnahmen ein; während der Revision im Februar 2003 kündigte sie Petra Mollath fristlos. Doch zu deren Ex-Mann schwieg die HVB über Jahre. Erst Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" decken die Tragweite des Falles auf.

Am Tag von Mollaths Anhörung holte seine Ex-Frau, die über Monate keine Statements abgegeben hatte, zum Gegenschlag aus: In einem Interview mit dem "Nordbayerischen Kurier" warf sie dem 56-Jährigen vor, sie geschlagen zu haben und bestritt, dass Schwarzgeld-Schiebereien jemals ein Thema zwischen den beiden waren.

Im Gegensatz zu anderen Rosenkriegen hat der Fall Mollath aber auch große politische Sprengkraft. Denn Justiz, Behörden und Politik haben sich haarsträubende Fehler geleistet. Der Prozess gegen Mollath "verstieß von Anfang bis Ende gegen Fundamentalregeln des Strafrechts. Es wurden Beweisstücke nicht sichergestellt und nicht begutachtet, es wurde eine falsche Urkunde verlesen und zur Grundlage des Urteils gemacht", urteilt die "Süddeutsche Zeitung". Gutachter erklärten Mollath für krank, ohne ihn je untersucht zu haben. Und der im Prozess gegen Mollath Vorsitzende Richter Otto Brixner musste einräumen, die Verteidigungsschrift Mollaths samt Anlagen nicht gelesen zu haben.

Nicht einmal die zur Last gelegten Straftaten des Würgens der Ehefrau und des Zerstechens der Autoreifen konnten zweifelsfrei bewiesen werden. Bei dem ärztlichen Attest, auf dem die Verletzungen der Ehefrau beschrieben sind, handelt es sich um eine unechte Urkunde. Diese wurde, ohne dass es aus dem Attest ersichtlich wäre, nicht von der Ärztin, auf die sich das verurteilende Gericht bezogen hat, sondern von ihrem Sohn ausgestellt. Und die Reifen, die Mollath angeblich zerstochen hat, wurden nie von einem Gutachter untersucht.

Langsam dreht sich der Wind zugunsten Mollaths. Generalstaatsanwalt Hasso Nerlich hält das Urteil gegen Mollath mittlerweile für mehr als schludrig. In höchst seltener Eintracht haben Staatsanwaltschaft und Verteidigung daher die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt.

Justizministerin redet Vorkommnisse klein

Doch seit der Beantragung im März ist nichts geschehen. Stattdessen erklärte Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) in einer ARD-Dokumentation vergangene Woche noch immer, Mollaths Gefährlichkeit sei der Grund, dass er untergebracht ist. Zuvor hatte sie sich lange gegen eine Prüfung des Falls gestellt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Merk unglückliche Figur macht. Im Frühjahr musste sie zugeben, ihrer Schwester von 2010 bis 2013 Büroaufträge über rund 1200 Euro monatlich erteilt zu haben - die Ministerin zahlte den Betrag mittlerweile zurück.

Lieber ins Gefängnis
als nochmals Psychiatrie

Wie schnell Mollaths Verfahren aufgenommen wird, ist ebenso ungewiss wie dessen Ausgang. Seine Unterbringung in der Psychiatrie spricht er am Dienstag an: "Diese Situation wünsche ich nicht mal meinem ärgsten Feind." Er berichtet, nachts aufgeweckt zu werden, keinen natürlichen Schlafrhythmus mehr zu finden. Dass er wahnhaft sei, weist Mollath von sich. Zum Abschluss äußert er eine Bitte: "Wenn es dazu kommt, dass ich bis zum Lebensende festgehalten werden soll, bitte ich darum, dass dies in Sicherungsverwahrung wie im Gefängnis geschieht. Aber nicht in dieser Anstalt."