Wien. Können die von der EU geplanten Schockbilder auf Zigarettenpackungen wirklich den gewünschten Effekt haben? Cornel Binder-Krieglstein vom Berufsverband Österreichischer Psychologen (BÖP) ist skeptisch und erwartet eher Trotzreaktionen nach dem Motto "jetzt erst recht". Nur wenn jemand an der "Kippe" stehen würde und schon mit dem Aufhören liebäugelt oder gerade mit dem Rauchen beginnt, könnte dies die Entscheidung gegen die Zigarette unterstützen.

Menschen verfügen über einen vielstufigen Verdrängungsmechanismus, mit denen Unangenehmes zur Seite geschoben wird. Vieles davon geschieht unbewusst als automatisches Phänomen, so der Fachmann. Dies soll eine Reizüberflutung durch zu viele emotionale Einflüsse verhindern. So wird von Menschen in einer Beziehung dauernd unangenehmes Verhalten verdrängt, damit dieses Verhältnis nicht gefährdet wird.

"So schlimm wird's schon nicht sein"

Auf einer vorbewussten Ebene geschieht das dem Experten zufolge auch bei den Rauchern, die sehr wohl wissen, dass ihr Laster ungesund ist. Aber das halten sie sich nicht ständig vor Augen, sondern denken, "so schlimm wird's schon nicht sein". "Und schon ist der unangenehme Gedanke futsch und man kann sich dem Lustgefühl der Zigarette hingeben", erläuterte der Psychologe.

Immer wieder kämpfen wie in Zeichentrickfilmen das Teuferl, der Trieb, mit dem Engerl, der Vernunft, während das Ich sich um einen Ausgleich der beiden bemüht. Seltsames passiert, wenn man nun mit etwas "extrem Grauslichem" wie dem Bild einer Kehlkopfoperation auf einer Zigarettenschachtel konfrontiert wird: Damit die Bedrohung und die Angst nicht zu groß werden, holt man sich ganz bewusst den Trieb als Verstärkung heraus und schaltet auf stur: "Verbieten lass' ich mir sicher nichts!"

"Die Menschen schieben das einfach weg"

Um nicht dauernd mit solchen Schockbildern konfrontiert zu werden, verwenden viele Zigarettendosen oder stülpen Hüllen über das Packerl. Während nämlich die Warntexte einfach nicht mehr gelesen werden, können die Bilder doch immer wieder schockieren und das Thema der möglichen Krankheiten und Folgen ins Bewusstsein hieven. "Aber wenn sich jemand für die Lust (Zigarette, Anm.) und die Sucht entschieden hat, ist es die Frage, ob er sich davon beeindrucken lässt. Ich glaube nicht, dass jemand deswegen aufhört", meinte Binder-Krieglstein.

Problematisch ist, dass die Auswirkungen des Tabakkonsums nicht unmittelbar zu merken sind. Strafen im Straßenverkehr, besonders wenn sie sofort erfolgen oder wie bei einer Section Control zu 100 Prozent sicher eintreten, führen durchaus zu einer Verhaltensänderung. "Beim Rauchen hingegen glaubt jeder, dass es ihn persönlich nicht treffen wird." Jeder kennt einen Kettenraucher, der 95 Jahre alt geworden, so wie Gurten-Muffel von Unfällen berichten, bei denen der Lenker nur überlebte, weil er nicht angeschnallt war. "Dass das alles ein Blödsinn ist, lässt sich statistisch belegen. Aber die Menschen schieben das einfach weg", sagte der Psychologe.