Marseille. (biho/apa) Sie wollte dieses eine Wort hören: "schuldig". Und den Angeklagten bei der Urteilsverkündung sehen, der zwar den Betrug eingeräumt, aber stets die Verantwortung für das Leid zurückgewiesen hat, das er bei tausenden Frauen weltweit angerichtet hatte. "Mir war es wichtig, endlich die Strafe für Jean-Claude Mas zu kennen und dass wir als Opfer anerkannt werden", erklärte Alexandra Blachère, Präsidentin einer Vereinigung für Frauen, denen mangelhafte Brustimplantate der von Mas gegründeten Firma Poly Implant Prothèse (PIP) eingesetzt worden waren.

Gestern ging ihr Wunsch in Erfüllung: Ein Strafgericht im südfranzösischen Marseille verurteilte den 74-jährigen Angeklagten wegen Betrugs und Verbrauchertäuschung zu vier Jahren Haft und einer Geldstrafe von 75.000 Euro. Vier mitangeklagte frühere Führungskräfte der inzwischen insolventen Firma erhielten Haftstrafen zwischen 18 Monaten und drei Jahren, teilweise auf Bewährung.

Mas reagierte ohne erkennbare Emotion auf das Urteil, das viele Betroffene lange erwartet hatten und das Blachère als "symbolischen ersten Schritt" begrüßte, auch wenn sie Mas lieber sofort hinter Gittern sähe. Mehr als 7000 Frauen traten als Nebenklägerinnen in dem Prozess auf. 73 Frauen aus Österreich schlossen sich dem Verfahren an. Die Gruppe der Österreicherinnen ist damit die größte Gruppe ausländischer Betroffener in dem französischen Strafverfahren. Die Zahl der Trägerinnen von PIP-Prothesen weltweit wird auf 300.000 geschätzt. Zeitweise war PIP der weltweit drittgrößte Hersteller von Brustimplantaten - die überdurchschnittlich oft rissen oder zu Entzündungen führten. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Mas seine Kunden und den TÜV Rheinland, der die PIP-Prothesen zertifizierte und als Nebenkläger auftrat, bewusst getäuscht hatte. Jahrelang hatte PIP statt medizinisch zugelassenem Material billiges Industriesilikon verwendet und damit jährlich einen Gewinn von rund einer Million Euro gemacht.

Mas’ Anwalt Yves Haddad erklärte, das Urteil anzufechten. Enormer öffentlicher Druck habe den Prozess begleitet. Trotz einer halbherzigen Entschuldigung vor Gericht hatte Mas den Zorn seiner Opfer noch geschürt, indem er behauptete, sein "hausgemachtes" Silikon sei zwar billiger, aber unschädlich gewesen und die Frauen klagten "bloß wegen der Kohle". Staatsanwalt Jacques Dallest nannte Mas einen "Prothesen-Zauberlehrling". Der Gesundheitsskandal war 2010 aufgekommen, nachdem sich Hinweise auf Probleme mit PIP-Produkte gehäuft hatten. In einer beispiellosen Aktion riefen die Behörden in vielen Ländern Frauen dazu auf, sich die Implantate vorsorglich entfernen zu lassen. In der Kritik standen aber auch die französischen Gesundheitsbehörden, die jahrelang Warnungen übergangen waren. Der TÜV Rheinland als Prüfstelle wurde Mitte November in einem gesonderten Prozess in Toulon zu Schadensersatzzahlungen in Millionenhöhe verurteilt.

VKI klagt Allianz

Der Wiener Verein für Konsumenteninformation (VKI), der die Frauen aus Österreich beim Verfahren in Frankreich vertritt, begrüßte die Urteile und wird, sobald sie rechtskräftig sind, Schadenersatzansprüche bei einem französischen Fonds für Verbrechensopfer anmelden. So kann zumindest bis zu einem Höchstbetrag von 3000 Euro Entschädigung erlangt werden - die Angeklagten hatten sich bereits im Verlauf des Prozesses für vermögenslos erklärt.

Die andere Stoßrichtung zielt weiter in Richtung des Haftpflichtversicherers von PIP: Rund 20 vom VKI angestrengte Musterprozesse gegen die Allianz Versicherung mit Sitz in Paris laufen weiter. Die Versicherung war bisher nicht bereit, auf die Verjährung von möglichen Forderungen zu verzichten. "Es überrascht uns, dass eine Versicherung darauf setzt, dass sich die Betroffenen eine Klage in Frankreich nicht leisten können und daher auf ihre möglichen Ansprüche verzichten", kritisierte VKI-Jurist Peter Kolba. "Der Schadensfall PIP ist ein über die Grenzen von Frankreich hinausgehender Massenschaden und die Regeln der EU stehen auf dem Prüfstand, ob Geschädigte ihre Ansprüche tatsächlich über Grenzen hinweg durchsetzen können."