Eine lange Tradition

Seit dem Kinoschlager "Briefe an Julia" mit Vanessa Redgrave 2010 wurde die Existenz der Sekretärinnen über Verona hinaus bekannt - und noch mehr Leute begannen, Julia Post zu schicken. "Wenn ich die Tonnen ungelesener Zuschriften sehe, fühle ich mich ganz schuldig und arbeite gleich noch mehr", sagt Giovanna. "Sì, sì", pflichtet Pensionist Gianni ihr bei. Die anderen lachen. "Was redest du da?", rufen sie. "Du liest zwar stundenlang Briefe, aber wenn es ums Beantworten geht, drückst du dich!" Dass die Mitarbeiter stellvertretend für Shakespeares Julia schreiben, ist übrigens ganz offiziell - die Stadt Verona hat den Club di Giulietta 1990 formal darum ersucht und die Porto-Spesen für die Antwortschreiben übernimmt sie seither auch.

Die Tradition, im Namen von Romeos Liebster zu antworten, reicht indes in die 1930er Jahre zurück - begründet von Ettore Solimani, dem Wächter des Julia-Grabes im ehemaligen Kapuzinerkloster an der Via del Pontiere. Als er dort wie üblich seine Rosenbüsche goss und Tauben darauf trainierte, in romantischer Manier auf den Schultern von weiblichen Besuchern zu landen, entdeckte er eines Tages eine an Julia gerichtete Nachricht. Er schrieb zurück - in ihrem Namen. Das sprach sich herum, worauf immer mehr ihre Briefe für Julia hinterließen; der Grabwächter antwortete allen. In einem Gespräch mit einem deutschen Journalisten 1954 sagte der mittlerweile verstorbene Solimani: "Sie und ich - wir wissen natürlich, dass die Geschichte von Romeo & Julia nur eine Legende ist. Aber gerade deshalb muss man etwas tun, um sie zur Wirklichkeit zu machen." Dem Veroneser Bürgermeister kam das nur recht, zumal das Kitsch-Image seiner Stadt dadurch noch heller glänzte. Jahre später gründete dann Giovannas Vater, Giulio Tamassia, den Club di Giulietta, dessen Präsident er bis heute ist.

Ein Mann, der Traditionsbegründer. Ein Mann, der Club-Präsident. Nur, wo ist eigentlich der Mann - Romeo? "Das wüssten wir auch gerne", rufen die Frauen. Sie lachen. "Sogar Männer schreiben Julia und nicht Romeo. Frauen sind eben die klügeren Geschöpfe." Pensionist Gianni wäre wahrscheinlich anderer Meinung, er hat das Büro heute aber schon verlassen. Vielleicht ist er mit seinem Hund Romeo spazieren gegangen. Sicher kommt er morgen wieder. Neue Briefe warten schon auf ihn.