Symbol für die Eigeninitiative, die für das Exarchia-Viertel so typisch ist: Der selbst hergerichtete Navarino-Park. - © Batzoglou
Symbol für die Eigeninitiative, die für das Exarchia-Viertel so typisch ist: Der selbst hergerichtete Navarino-Park. - © Batzoglou

Athen. Ordentlich gefüllt ist er an diesem milden Abend im Februar, der Saal im Theater in der Themistokleus-Straße im Stadtviertel Exarchia, im Herzen von Athen. Auf der Bühne steht ein alter Tisch, um ihn herum sitzen Schüler. Weil es sich immer weniger Eltern leisten können, ihre Kinder wie früher auf eine private Sprachschule zu schicken, gibt es hier Gratisunterricht. Organisiert hat das die Bürgerinitiative "Exarchia". Seit gut zwei Jahren verwaltet sie auch die "Zeitbank Exarchia" ("Trapeza Chronou Exarcheion"), mittlerweile 180 Bewohner machen dabei schon mit - und es werden immer mehr. Sie funktioniert so: Für gemeinnützige Tätigkeiten gibt es Gutschriften bei der "Bank", für die man andere Dienstleistungen kostenlos erhält. Das Prinzp: Alle Arbeiten haben genau den gleichen Wert. Einzige Währung: Die aufgewendete Zeit.

Exarchia ist schillernd, bunt, pulsierend, alternativ. Spontane Straßenpartys steigen hier, billiges Bier inklusive. Exarchia, das ist schon seit Jahrzehnten auch ein Tummelplatz für Anarchisten, Autonome, (Über-)Lebenskünstler. So etwas wie Griechenlands Prenzlauer Berg, so wie er Anfang der 1990er Jahre blühte.

Heimatort für Revoluzzer


Seinen Namen hat das dicht besiedelte Stadtviertel im Zentrum der Vier-Millionen-Metropole Athen, das auch das Polytechnikum beherbergt, einem umtriebigen Nordgriechen namens Exarchos zu verdanken. Er betrieb in besagter Themistokleus-Straße ein größeres Geschäft. Anfangs waren es zudem vor allem Handwerker von den Kykladen, die ins damals eher dörfliche Exarchia zogen. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen neue Bewohner hinzu: Intellektuelle, Künstler, Studenten. Das Stadtviertel ist eine Brutstätte für den hellenischen Zeitgeist. Das ist bis heute so. Da passt es ins Bild, dass just Exarchia der Ort des ersten Studentenaufstandes in Griechenland ist, hierzulande bekannt als "Skiadika". Die blutigen Ereignisse vom 17. November 1973 im Polytechnikum waren der Anfang vom Ende der Obristendiktatur. Auch die Proteste gegen Athens Sparpolitik als Antwort auf die Finanzkrise fielen hier besonders heftig aus.

So wundert es nicht, dass die Polizei in Exarchia besonders massiv präsent ist. Hunderte Polizisten in Uniform bewachen offenbar aus Angst vor Ausschreitungen Parteibüros wie das der mitregierenden Pasok-Sozialisten, Ministerien oder andere öffentlichen Gebäude - und zwar rund um die Uhr. Auch die Drogensüchtigen haben sie im Visier. Denn auf dem zentralen Platz ist der Drogenkonsum trauriger Alltag. Unter den Junkies verbreitet ist derzeit "Sisa", eine alles zerstörende Chemie-Droge. Und spottbillig ist sie noch dazu: Das "Kokain der Armen" ist dort schon für einen Euro zu haben.

Exarchia ist auch ob seiner grellen und bunten Graffitis beliebt. Aber: Es stinkt an vielen Ecken zum Himmel. Dennoch: Ob Theater, Kinos, "In"-Restaurants wie das "Saleo", das Kultcafé "Floral", das von Autonomen besetzte Kulturzentrum "Vox" oder auch der legendäre Steh-Imbiss "Kavouras" mit den unangefochten besten Fleischspießchen in Athen: Exarchia ist und bleibt ein beliebter Magnet, das Ausgehviertel schlechthin für alle Athener, die vor allem am Wochenende nur eines im Sinn haben: sich zu vergnügen. Nur: Den schnellen Cabrio oder den wuchtigen Geländewagen sollte man lieber nicht in Exarchia parken. Denn für Kapitalismuskritiker verschiedenster Couleur sind Nobelkarossen eine beliebte Zielscheibe, Brandanschläge inbegriffen. Erst recht inmitten der tiefen Hellas-Krise.

Die Oase im Betonmeer


Nikos Kotselopoulos lebt gerne in Exarchia. Der Rechtsanwalt wuchs in Maroussi im gutbürgerlichen Norden der Hauptstadt auf. Als Student lernte er schon vor gut 25 Jahren das Anarchistenviertel kennen - und lieben. Er sagt: "Hier leben zwar viele Menschen. Irgendwie fühlt man sich aber wie im Dorf." Der 45-Jährige ist auch einer der Aktivisten von Exarchia, die auf einem unbenutzten Gelände vor knapp fünf Jahren geradezu handstreichartig den Navarino-Park schufen.

Die griechische Ingenieurskammer TEE, der das betreffende Grundstück gehört, hatte es jahrelang an einen Parkplatzbetreiber vermietet. Als der betreffende Vertrag Ende 2008 auslief und die TEE nicht wusste, was sie mit dem Gelände anfangen sollte, ergriffen die "Dorfbewohner" kurzerhand die Initiative, ohne Absprache mit dem Eigentümer wohlgemerkt. Ihr Motto lautete: "Grünfläche statt Zement". Die Bewohner brachen den Betonboden auf, gruben, erneuerten die Erde, planzten Bäume und Sträucher und errichteten einen Kinderspielplatz. Heute ist der Navarino-Park eine Oase im Betonmeer - und Sinnbild für eine funktionierende Selbstverwaltung. Auch Kotselopoulos, der Rechtsanwalt, packte damals mit an. "Ich habe einen Betonbohrer bedient - zum ersten Mal in meinem Leben", erinnert er sich lachend. Bis heute wachen die Bewohner darüber, dass der Park sauber bleibt. Nicht nur für Drogenabhängige, auch für Obdachlose ist hier definitiv kein Platz.