Menschliches Blut besteht zu 60 Prozent aus flüssigem Plasma, in dem die Blutzellen wie rote und weiße Blutkörperchen schwimmen. - © corbis/E.M. Pasieka/Science Photo Library
Menschliches Blut besteht zu 60 Prozent aus flüssigem Plasma, in dem die Blutzellen wie rote und weiße Blutkörperchen schwimmen. - © corbis/E.M. Pasieka/Science Photo Library

Wien. "Es ist unser erstes Mal", sagen Nina und Lisa und wetzen nervös auf ihren Sesseln herum. Noch nie zuvor haben sie Plasma gespendet. Im Baxter Plasmazentrum in Wien-Neubau füllen die zwei Studentinnen gerade die dafür nötigen Formulare aus.

Vor den Anmeldeschaltern warten Menschenschlangen. Doch der Schein trügt. "Europaweit wird zu wenig Plasma gespendet", sagt Jan Oliver Huber, Generalsekretär des Verbandes der pharmazeutischen Industrie Österreich (Pharmig), im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Dieser Mangel würde all jene gefährden, die auf Medikamente aus Plasma angewiesen sind. Also Menschen, die etwa unter Hämophilie (eine Erbkrankheit, bei der die Blutgerinnung gestört ist) oder Autoimmun-Erkrankungen leiden. Daher muss die fehlende Menge Plasma importiert werden - und zwar bis zu 35 Prozent. Konkret sind das 3,5 Millionen Liter jährlich, die laut Huber vor allem aus den USA nach Europa gebracht werden, um den Bedarf von rund 10 Millionen Liter zu decken. Das Problem dabei: Plasma ist dadurch von der Spenderfreudigkeit abhängig und vor allem eins - teuer. Von 1996 bis 2008 sind die Kosten für einen Liter Rohplasma von 48 auf 88 Euro gestiegen.

Jedes Restrisiko ausgeschlossen


Diese Zunahme ist laut Pharmig auf die geforderte Wachsamkeit der Unternehmen bei der Gewinnung und Herstellung von Plasmaprodukten zurückzuführen. Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen hätten sich in den vergangenen 20 Jahren radikal verändert - etwa aufgrund von Verordnungen auf EU-Ebene, was freilich mit einer Kostensteigerung zusammenhängt.

Das soll kein Spendenaufruf werden, die Zukunft liegt vielmehr in einer Pharmawelt, in der man so unabhängig wie möglich von menschlichem Plasma und dem Schwankungen unterworfenen Spenderkollektiv ist. Rekombinant ist das Lösungswort und zugleich der Fachausdruck für biotechnologisch hergestellte Produkte, die ganz ohne menschliches Protein auskommen. "Unser Ziel ist es, möglichst viele aus humanem Plasma hergestellte Produkte eines Tages rekombinant herzustellen", heißt es vom Pharma-Unternehmen Baxter, dessen österreichische Niederlassungen gemeinsam mit jenen von Octapharma 15 Prozent der weltweiten Kapazität verarbeiten.

Die Vorteile für die Pharma-Unternehmen liegen auf der Hand: Rekombinante Produkte sind uneingeschränkt produzierbar. Zudem ist jedes Restrisiko der Verunreinigung ausgeschlossen. "Die Entwicklung und Herstellung rekombinanter Produkte gewinnt massiv an Bedeutung für Patienten mit Hämophilie", so Baxter. Derzeit allerdings noch ausschließlich für Patienten mit Hämophilie. Für alle anderen aus Plasma hergestellten Medikamente sind noch keine Verfahren entwickelt worden, die diese ersetzen könnten.

In diesen Bereichen ist die Pharmaindustrie noch immer auf ihre Spender angewiesen. Also auf Personen wie Nina und Lisa. 20 Euro Entschädigung erhalten sie für ihre Spende, die etwa eine Stunde in Anspruch nimmt. "Das ist ein guter Stundenlohn", sagt Nina und grinst. Öfter als dreimal in zwei Wochen respektive 50 Mal pro Jahr darf sie allerdings nicht kommen. Die Regeneration des Plasmas nimmt nämlich einige Tage in Anspruch, zumal pro Spende bis zu 850 Milliliter entnommen werden.

Das Blut wird dabei im Plasmapheresegerät gesammelt, das das flüssige Blutplasma (Anteil von 60 Prozent) von den darin schwimmenden Zellen wie Blutkörperchen oder -plättchen (40 Prozent) trennt. Letztere fließen in den Blutkreislauf des Menschen zurück. So sammeln sich im Laufe eines Jahres österreichweit etwa 280.000 Liter menschliches Plasma an. Ein kleiner Beitrag am europaweiten Bedarf.