"Mister Schottland". - © ap
"Mister Schottland". - © ap

(pn) Dies ist sein Referendum. Es ist die Schlacht seines politischen Lebens. Nun, da er sie schlagen muss, setzt Alex Salmond alles daran, sie zu gewinnen. Schottlands Regierungschef und Führer der schottischen Nationalisten (SNP) will seinem Land die Unabhängigkeit bescheren.

Es wäre eine Sensation, wenn es ihm gelänge. Formidable Kräfte haben sich gegen ihn vereint. Sämtliche großen Parteien Westminsters suchen seinen Sieg zu verhindern. Die USA und Brüssel haben Position gegen ihn bezogen. Sogar der Papst hat sich gegen ihn gestellt. Wirtschaftskapitäne drohen mit Abzug ihrer Firmen. Der Gouverneur der Bank of England hält ihn für nicht ganz gescheit. Mick Jagger und JK Rowling haben Salmonds Gefolgschaft zum Desertieren aufgefordert.

Andererseits: Es wäre nicht das erste Mal, dass "Alex der Tausendsassa", der kühl kalkulierende Rebell, robuste Charmeur und fraglos cleverste Politiker Schottlands die Welt in baffes Erstaunen versetzt. 2007 hatte Salmond - zur Bestürzung seiner politischen Gegner - die SNP zur stärksten Kraft im Parlament von Edinburgh gemacht. Damals rückte er zum Chef einer Minderheitsregierung auf, die sich als unerwartet tüchtig erwies. 2011 holte er sich mit einer sozial orientierten Politik, die stark von der Linie Londons abstach, eine Mehrheit.

Für Salmond war nichts unmöglich. Sein Alternativprogramm erwies sich als unwiderstehlich für schottische Wähler, die den Glauben an die "alten" Parteien verloren und "von Westminster genug" hatten. Gegen die Debattierfreude des gelernten Ökonomen und Historikers weiß bis heute kaum jemand in Schottland anzukommen. Scharfer Intellekt und munteres Naturell sind Salmond gleichermaßen zu eigen. Dass er die Sprache der Wirtschaft beherrscht, früher mal als Energie-Experte die Royal Bank of Scotland beraten hat und sich mit Zahlen und Terminologie auskennt, verleiht ihm eine Aura von Kompetenz. Das Humorig-Scharfzüngige an seinen Auftritten, seine Fähigkeit, sich als "Mann des Volkes" zu präsentieren, hat ihm über die eigene Partei hinaus Sympathien verschafft. Er wusste immer als Erster die Stimmung der Bevölkerung zu deuten, Bedürfnisse zu artikulieren, sich unverdrossen in jeden Streit zu mischen. Sogar die Linke in Schottland applaudiert ihm für seine Sozialreformen.

Salmonds Anhänger erhoffen sich nun ein weiteres Mal eine dramatische Überraschung von ihm.

Viele finden freilich, dass der 59-Jährige in den letzten Wochen Anzeichen von Müdigkeit gezeigt hat. Erst schlug er sich in einer Fernsehdebatte nicht gut und dann lästerte Schottlands Labour-Chefin Johann Lamont, Salmond wolle zu sehr "Mister Schottland" sein. So Salmond am 18. September verliere, prophezeien Kommentatoren, werde auch der "Zauber" verfliegen, der ihn bisher umgeben hat. Parteifreunde wenden ein, er sei in der Vergangenheit "noch nach jedem Ausrutscher" ungestraft davongekommen. Diesmal ist es anders. Dieser Ausrutscher hätte historische Dimensionen.