Guide Vincent Rouyer (mit Mappe) verlor die Wohnung und lebte dann eineinhalb Jahre im Zelt. - © Kormann
Guide Vincent Rouyer (mit Mappe) verlor die Wohnung und lebte dann eineinhalb Jahre im Zelt. - © Kormann

Paris. Sonntagmorgen. Am Place Gambetta im 20. Pariser Arrondissement Ménilmontant herrscht bereits reges Treiben. Zahlreiche Menschen sitzen auf den sonnigen Terrassen der Cafés, Mopeds rattern die Avenuen entlang. Der Platz im Osten der Stadt, nur wenige Meter vom berühmten Friedhof Père Lachaise entfernt, wo Persönlichkeiten wie der Doors-Sänger Jim Morrison oder der irische Schriftsteller Oscar Wilde begraben liegen, ist seit knapp einem Jahr Treffpunkt für organisierte Spaziergänge durch das Viertel. Auch heute hat sich eine kleine Gruppe vor dem Rathaus des Arrondissements um ihren Guide Vincent Rouyer versammelt. Der 39-Jährige kramt noch eine Packung Tabak aus der Tasche seiner abgewetzten Lederjacke und rollt sich lässig eine Zigarette. Dann rückt er seine Brille zurecht. "So, alle da? Na dann, allez", sagt er mit fester Stimme. Eine Stadtführung, die beginnt wie jede andere. Doch Vincent Rouyer hat Paris anders kennengelernt als die meisten Einwohner der Metropole. Er hat hier eineinhalb Jahre auf der Straße gelebt.

An diese Zeit denkt Rouyer ungern zurück: "Ich hatte mich aufgegeben, das Gefühl gehabt, nichts Besseres zu verdienen." 2009 leidet er an Depressionen. Von einem Tag auf den anderen kündigt der damalige Buchhalter seinen Job, bricht den Kontakt zu seinen Freunden ab und zieht wieder bei seinen Eltern ein. Als diese bald darauf in die Normandie gehen, bleibt Rouyer in Paris und findet sich auf der Straße wieder. Eineinhalb Jahre lang lebt er in einem Zelt im Wald der Vorstadt Meudon. "Dann wurde mir klar, ich muss mich aufraffen und mein Leben in die Hand nehmen", sagt er. Inzwischen wohnt der ehemalige Obdachlose in einem Zentrum für soziale Wiedereingliederung. Seit Februar arbeitet er als Stadtführer für l’Alternative Urbaine.

Das Start-up wurde im Juni 2013 von Selma Sardouk gegründet. "Wir wollen Menschen in prekären Verhältnissen über den Tourismus wieder in die Gesellschaft integrieren", erklärt die 25-Jährige. Menschen, die ohne Dach über dem Kopf oder in schwierigen Bedingungen leben, führen Besucher durch unbekannte Ecken der Stadt. Über den Preis der Führung entscheiden die Teilnehmer selbst. Jeder gibt, was er will und kann.

Übergangsjob


Um potenzielle Guides auf ihr Start-up aufmerksam zu machen, arbeitet die junge Unternehmerin mit verschiedenen Einrichtungen und Tageszentren für Obdachlose zusammen. Die Beschäftigten bekommen einen Stundenlohn von zehn Euro. Eine Übergangslösung. "Wir sind nicht dafür ausgelegt, Leute dauerhaft zu beschäftigen. Wir wollen sie nur zurück ins Berufsleben begleiten", so Sardouk. Zwei ehemalige Obdachlose haben bereits eine Arbeit gefunden. Auch Vincent Rouyer wird das Start-up Ende August verlassen und eine Ausbildung zum Sozialarbeiter beginnen.

Am Anfang hat l’Alternative Urbaine die Spaziergänge durch das 20. Arrondissement nur von Zeit zu Zeit angeboten, mittlerweile finden sie jedes Wochenende statt. Im Schnitt nehmen zwischen vier und sechs Personen an den Führungen teil. An diesem Tag haben sich drei Teilnehmer am Place Gambetta eingefunden. "Gestern waren es zwanzig. Aber die Führungen am Morgen sind schlechter besucht", sagt Vincent Rouyer. Dann stapft er mit seiner Gruppe die Rue des Pyrénées hinauf, vorbei an Cafés, Weinläden und Bäckereien. Das frühere Arbeiterviertel hat seinen volkstümlichen Charakter beibehalten. "Das 20. Arrondissement ist noch etwas verkannt, hat aber einen ganz eigenen Charme. Das wollte ich sowohl Touristen als auch Parisern zeigen", erklärt Selma Sardouk, die die Route mitentwickelt hat. Ab Oktober wird sie auch Spaziergänge durch den 18. und 19. Arrondissement, im Norden von Paris, anbieten.

An den Führungen nehmen viele Franzosen teil, die meisten kommen selbst aus der Hauptstadt. Aber auch Österreicher, Kanadier, Deutsche, Italiener, Japaner, Amerikaner oder Australier haben sich bereits von Vincent Rouyer das Viertel zeigen lassen. Vor allem bei Studenten sind die Führungen beliebt. Bekannt macht das Start-up seine Spaziergänge über das Internet. So hat auch die Teilnehmerin Veronique Guillou von der Initiative erfahren: "Ich bin zufällig darauf gestoßen und das Konzept hat mir gefallen - eine originelle Weise, ein Viertel zu entdecken, in dem man sonst nicht unbedingt spazieren geht."

80 Prozent mehr Obdachlose


Über eine steinerne Treppe gelangt die Gruppe in die Passage des Soupirs, fernab vom Lärm der Straße. Auf einen Schlag verfliegt das Gefühl, in Paris zu sein. Efeubewachsene Steinhäuschen und grüne Gärten säumen das kleine Gässchen. Weinstöcke und wilde Erdbeeren wuchern in einem Gemeinschaftsgarten. "Im August ist es hier besonders schön. Da sind viele Pariser auf Urlaub. Alles ist ein bisschen ruhiger", schmunzelt Vincent Rouyer. Er kennt aber auch die Schattenseiten des Sommermonats. "Wenn man auf der Straße lebt, ist der August eine der schwierigsten Zeiten, weil die meisten Tageszentren geschlossen sind. Es ist also schwer, eine warme Mahlzeit zu bekommen."