"Eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs Islamismus gibt es nicht." Mit dieser Position in seinem aktuellen Buch "Islamismus - Geschichte, Vordenker, Organisationen" steht der deutsche Islamwissenschafter Tilman Seidensticker nicht allein. Seine eigene vorsichtige Definition lautet: "Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden."

Da der Islam grundsätzlich solche Bestrebungen habe, meinen viele, Islam und Islamismus seien gar nicht voneinander zu trennen - etwa der ägyptisch-deutsche Autor Hamed Abdel-Samad oder der deutsche Publizist Henryk M. Broder, der argumentierte, Islam und Islamismus gehörten zusammen wie Alkohol und Alkoholismus. Landläufig haben sich die Begriffe Islamist und Islamismus ab den 1970er Jahren für politisch aktive islamische Fundamentalisten eingebürgert. Dem politischen Islam, aber mehr noch den Dschihadisten, die ihr Ziel mit Gewalteinsatz verfolgen, geht es letztlich um die Errichtung eines Gottesstaates, in dem nicht eine westliche "Volkssouveränität", sondern die "Souveränität Gottes" den Ton angibt.

Strenger Monotheismus

Hinter diesem Phänomen steht der Wunsch nach einer Rückbesinnung auf die Werte der Vorväter, aber auch der Traum von einer machtvollen Expansion des Islam wie im 7. und 8. Jahrhundert. Als geistiger Ahne des modernen Islamismus gilt der Damaszener Gelehrte Ibn Taimiya (1263-1328), der für eine wörtliche Auslegung des Koran eintrat und verlangte, dass alle juristischen Entscheidungen durch einen Beleg aus dem Koran oder der Prophetenüberlieferung (Sunna) gedeckt sein müssten.

Der strenge Monotheismus des arabischen Gelehrten Muhammad Ibn Abdalwahhab (1703-1792) prägte den Wahhabismus auf der Arabischen Halbinsel und in späterer Folge den Salafismus in anderen Teilen der muslimischen Welt. Die vor allem bei Sufis und Schiiten üblichen Heiligen- und Gräberkulte werden von dieser heute stark auflebenden Richtung strikt abgelehnt, gemäß einem überlieferten Ausspruch (Hadith) des Propheten Mohammed: "Lass kein Bild zurück, ohne es zu vernichten, und lass kein erhöhtes Grab zurück, ohne es dem Boden gleichzumachen."

Die Entwicklung des modernen Islamismus wurde, nicht nur, aber in hohem Maß, durch den Kolonialismus gefördert. Dass fremde Mächte die Rohstoffe islamischer Länder exportierten und dafür ihre - aus Sicht vieler Muslime - dekadente Kultur importierten, empfand man als Demütigung des Islam und seiner Anhänger. Nach dem Ersten Weltkrieg begann sich das politisch niederzuschlagen, ein markantes Beispiel ist die 1928 von Hassan al-Banna (1906-1949) in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft. Den ersten weltweit wahrgenommenen Erfolg erlebte der Islamismus, in diesem Fall der schiitisch geprägte, im Jahr 1979, als im Iran der Schah gestürzt und unter Ayatollah Ruhollah Chomeini (1906-1989) eine islamische Theokratie errichtet wurde.

In Ägypten fiel 1981 der westlich orientierte Präsident Anwar as-Sadat einem Anschlag von Islamisten zum Opfer. Von ihnen gab es Verbindungen zu Osama bin Laden (1958-2011), der als Chef der Organisation Al-Kaida und Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA in die Geschichte einging.

Terror von Kleingruppen

Seidenstickers Buch, in dem zum Beispiel Abu Bakr al-Baghdadi, der selbsternannte Kalif des "Islamischen Staates", nur einmal kurz erwähnt wird, macht deutlich, wie umfangreich und kaum mehr überschaubar die Vielzahl dschihadistischer Gruppen heute ist. Terroranschläge werden vermutlich oft gar nicht zentral geplant, sondern von Einzeltätern oder Kleingruppen - aber oft schon mit entsprechender Ausbildung - vorbereitet und ausgeführt, etwa 2013 der Anschlag auf den Boston-Marathon in den USA oder jüngst auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion in Paris.

Zu differenzieren ist zwischen der Verteidigung muslimischen Territoriums (als solches gilt, wo das islamische Recht, die Scharia, praktiziert wird) und gewaltsamen Versuchen, muslimisches Gebiet auszuweiten. In muslimischen Ländern sind für die Radikalen "Ungläubige", das sind für sie auch liberale Kräfte innerhalb des Islam, die Zielscheibe. Etliche Dschihadisten sind aber mutmaßlich von Leuten wie dem palästinensischen Islamgelehrten und Muslim-Bruder Abdallah Azzam (1941-1989) inspiriert, der forderte, alle Gebiete, die einmal islamisch waren und an Nichtmuslime gefallen sind - also etwa Südosteuropa oder Spanien -, müssten zurückerobert werden. Ganz auf dieser Linie liegt jedenfalls eine 2014 veröffentlichte Landkarte, die das Wunsch-Kalifat des Islamischen Staates zeigt.