Paris. Die Tragödie um "Charlie Hebdo" legt den Finger auch in eine alte französische Wunde - die fehlgeschlagene Integration vieler arabischer Immigranten der zweiten Generation. Cherif und Said Kouachi, die in der Redaktion des Satiremagazins ein Blutbad angerichtet und sich dann auf der Flucht mit einer Geisel in der Nähe von Paris verschanzt haben, zählen wie Hunderttausende andere zu den "Beurs". Jugendliche, deren Eltern aus dem Maghreb eingewandert sind und die in Frankreich nicht Fuß fassen können.

Die Eltern beider mutmaßlichen Attentäter stammen aus Algerien und sind früh gestorben. Cherif Kouachi, genannt Abou Issen, war damals zwölf. Die Brüder wuchsen im verkommenen Teil des 10. Pariser Arrondissements auf, sie wurden in ein Kinderheim in die Bretagne gebracht und kehrten später in die Hauptstadt zurück. Dort nahmen sie Gelegenheitsjobs als Pizzabote oder Fischerverkäufer in einem Supermarkt an. Cherif, der jüngere und radikalerer der beiden, kiffte viel, träumte angeblich von einer Karriere als Rapper und hatte auch sonst - wenn man seinem ehemaligen Anwalt Vincent Ollivier glauben darf - ein typisches Verlierer-Profil. Er soll vor seiner Radikalisierung verloren gewirkt haben, wie einer, der seinen Platz im Leben nicht finden kann.

Cherif Kouachi lebte zumindest eine Zeit lang mit seiner Frau im Pariser Vorort Gennevilliers. Einer jener trostlosen Orte der Pariser Banlieu, mit grauen, gesichtslosen Beton-Giganten, wo sich Lagerhalle an Lagerhalle reiht und die Benachteiligten zusammengepfercht werden.

Bei den Ausgestoßenen

Die typischen Vorstadt-Gettos sind für "normale" Franzosen ein Horror. Orte, in die sie sich niemals freiwillig begeben würden. Bei den Cites handelt es sich um Arbeitersiedlungen aus der Vorkriegszeit oder um riesenhafte Betonklötze mit Sozialwohnungen, die ab den 1950er Jahren in Massen errichten wurden. In sich geschlossene Trabantenstädte von trostloser Hässlichkeit. Der nächste Bahnhof und die nächste Autobahn-Abfahrt sind weit entfernt, die Aufzüge den Großteil des Jahres außer Betrieb. Wegen der billigen Bauweise hört man über Stockwerke hinweg, wenn ein Mieter die Toilettenspülung zieht oder mit seiner Frau streitet. Manche Bewohner verständigen sich mit Klopfzeichen über das Heizsystem.

Wer hier wohnt, ist in Frankreich unten durch. Die Kriminalitätsrate ist überdurchschnittlich hoch, die Chance auf einen Job gering. Islamistische Heilsversprechen fallen da auf fruchtbaren Boden, Rekrutierer können leicht ein Gefolge um sich scharen. Treffpunkt der Terror-Aspiranten aus den Vorstädten ist etwa der "Buttes-Chaumont-Park" im 19. Pariser Arrondissement. Hier ist man dem Zentrum von Paris näher, hier formiert sich das radikal-islamistische Netzwerk, durch das Chérif Kouachi radikalisiert wird. Hier beginnen die Kämpfer-Karrieren, die im Irak und nach Syrien enden.

Die, die sich im Park versammeln, leben zwar in Frankreich, doch die allgemeinen Werte sind nicht die ihren. Seit den 70er Jahren kommt es regelmäßig zu radikalen Gewaltausbrüchen. Oft genügt ein Gerücht über Polizeiwillkür, um den Funken ins soziale Pulverfass überspringen zu lassen. Im Jahr 2005 wuchsen sich die Krawalle dann zu einem regelrechten Flächenbrand in mehr als 300 Kommunen aus. Hunderte Autos gingen in Flammen auf, unzählige Schaufensterscheiben gingen zu Bruch, ganze Geschäftszeilen wurden geplündert. Der eigentliche Protest-Anlass wird schnell vergessen.

Kein Fortschritt

Die Politik wollte nach den Gewaltexzessen 2005 heilend eingreifen, Geld investieren, mit Sportangeboten, der Organisation von Nachhilfe und sozialer Betreuung Integrationsarbeit leisten. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy versprach einen "Marshall-Plan für die Vorstädte", erreicht wurde nichts. Frankreich kämpft mit einem ausufernden Budgetdefizit, es muss an allen Ecken und Enden gespart werden.

Die Vorstadt symbolisiert heute mehr den je das Scheitern des französischen Integrationsmodells. Wer in den Problemzonen von Paris, Lyon und Marseille herumlungernde Jugendliche nach der Schule fragt, erntet meist nur Gelächter: "Schule? Du spinnst wohl!"

Die Jugendlichen haben vielfach keine Beziehung mehr zum sozialen Gemeinwesen. Busfahrer, Rettungsfahrer, Feuerwehrleute oder sogar Briefträger erscheinen ihnen nicht als Vertreter des "Service Public", sondern als Agenten einer feindlichen Staatsmacht. Der Kampf für einen eigenen Staat, ein nach islamistischen Gesetzen geführtes Kalifat, ist für da eine große Verlockung. Der Islamismus ist für viele scheinbar die einzig mögliche Verteidigung gegen Unterdrückung und Demütigung. Für viele junge Immigranten ist das Terrorregime des IS heute das, was für frühere Generationen Che Guevara war.

Das Verhältnis der meisten jungen Immigranten zur französischen Polizei ist von Angst, Hass, Misstrauen und Aggressivität geprägt. Ausweiskontrollen und Leibesvisitation und die damit verbundenen Demütigungen gehören zur Routine. Viele haben den Eindruck, dass sie nur wegen ihrer Hautfarbe kontrolliert werden.