"Wiener Zeitung":Wie kommt ein Mensch dazu, ein Flugzeug mit 150 Menschen an Bord bewusst und gezielt in den Boden zu fliegen?

Sibylle Gross: Es ist zu früh, um darüber zu spekulieren, ob das ein geplanter Selbstmord war oder ein Massenmord, solange man die Hintergründe nicht kennt. Der menschliche Anteil ist aber grundsätzlich ein ganz wichtiger Faktor in allen sicherheitsrelevanten Unternehmen. Obwohl sich die Technik in den letzten 50 Jahren so sehr verbessert hat, ist der Anteil an menschlichem Versagen derselbe geblieben. 75 bis 80 Prozent aller Unfälle gehen noch immer darauf zurück.

Könnte es sich um einen Amoklauf gehandelt haben?

Das ist auch möglich, aber wie gesagt, reine Spekulation.

Gibt es regelmäßige psychologische Tests für Piloten?

Nein, so etwas gibt es überhaupt nicht.

Das heißt, es gibt einmal den Eignungstest und das war es dann?

Genau. Dieses Thema wird schon lange diskutiert, aber gegen regelmäßige Überprüfungen legen sich alle Pilotengewerkschaften und -vertretungen quer.

Und beim Eignungstest an sich, worauf wird da eigentlich geachtet?

Sowohl auf technische Fähigkeiten als auch sogenannte "soft skills" wie Führungsqualitäten oder Entscheidungsfähigkeit, aber natürlich auch auf die Persönlichkeit. Aggressionsfreiheit ist beispielsweise wichtig. Aber das ist ein Tageseindruck, der nie wieder wiederholt wird.

Was passiert, wenn ein Pilot psychologisch auffällig wird, etwa deprimiert wirkt, oder zu oft zum Alkohol greift?

Wenn das in einem großen Unternehmen der Fall ist, dann wird das firmenintern geregelt. Wenn es aber schon so auffällig ist, dass es bei einem Training passiert, dann wird die zuständige Behörde - in Österreich ist das die Austro Control - davon in Kenntnis gesetzt und dann wird er zum Psychologen geschickt.

Dann darf er nicht weiterfliegen?

Nein. Die Lizenz wird dann ruhend gestellt.

Die Hemmschwelle, sich dann freiwillig zu melden, oder einen Kollegen zu melden, wird dann dementsprechend hoch sein?

Richtig.

Wie wirkt sich so ein Unglück auf andere Piloten aus?

Man sieht es ja an Germanwings, wo sich viele Mitarbeiter für nicht arbeitstauglich erklärt haben. Ich glaube, dass die Lufthansa- und AUA-Piloten professionell genug sind, mit der Situation dennoch problemlos umzugehen. Ich möchte aber nicht wissen, wie es aussieht, wenn einer schon angeschlagen ist. Es ist ja wie in jedem Beruf: Man trägt seinen Rucksack mit in die Arbeit hinein. Es geht nicht immer allen gut.