Noch 2012 hinterlässt Andreas L. den Eindruck, er sei ein ausgelassener lebensfreudiger Mensch. Auf Facebook postet er Fotos von Nusstörtchen und seiner Vorfreude auf ein kühles Blondes. Lediglich im Nachhinein stutzig macht sein Posieren mit Sigmund Freud im Wachsfigurenkabinett.

Ab September 2013 ist er als Pilot bei Germanwings beschäftigt und hat 630 Flugstunden absolviert. Vorher war er nach Lufthansa-Angaben während einer Wartezeit Flugbegleiter. "Er war 100 Prozent flugtauglich, ohne Einschränkungen und Auflagen", sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Als Absolvent kam L. frisch von der Verkehrsflieger-Schule der Lufthansa in Bremen zum Kölner Unternehmen. Er habe seine Ausbildung zum Piloten für mehrere Monate unterbrochen, dies sei aber nicht unüblich. Doch gerade seine Depressionen sollen der Grund dafür gewesen sein. Hätte man nicht erkennen können, dass L. offenbar nicht flugtauglich war?

"Der Psychotest für Piloten ist eine Farce"

Die Fluglinien verweisen auf strikte Richtlinien für Piloten. Jeder, der bei der Lufthansa Pilot werden will, muss einen Test bestehen. Und der ist nicht ohne. Auch unter Piloten selbst gilt die Lufthansaschule als Ausbildung höchster Güte und höchster Ansprüche. Neben psychologischen Fragen geht es bei dem Test auch um Geschicklichkeit, Konzentration, Mehrfachbelastung und räumliches Vorstellungsvermögen. Doch das System ist nicht perfekt.

"Es gibt für solche Tests auch Vorbereitungstests", sagt Pilot Alfred Fuchs (Name von der Redaktion geändert). Diese würden zwar relativ viel Geld kosten. Dennoch sind sie bei Piloten beliebt: "Jeder, der ernsthaft Pilot werden möchte, macht das. Wenn Du dann den psychologischen Test machst, weißt Du ganz genau, was Du ankreuzen musst", so Fuchs: "Im Endeffekt ist das eine Farce."

Er selbst habe aus privaten Gründen vor langer Zeit einen Nervenzusammenbruch erlitten, so der Pilot zur "Wiener Zeitung". Um wieder die Erlaubnis zum Fliegen zu bekommen, habe er zahllose Tests bestehen müssen: "Alles, was Gott in dieser Richtung erschaffen hat." Er habe im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) in Wien den psychologischen Test gemacht, sei aber selbst schon psychologisch geschult gewesen. "So gut, wie der Test glauben macht, geht es Ihnen aber noch nicht", sagte der AKH-Psychologe laut Fuchs. Der Test selber ist Fuchs zufolge ziemlich ausgefeilt. "Es sind bestimmt 500 Fragen, und die wiederholen sich in anderer Formulierung, damit Schummler erkannt werden. Aber man kann vorher üben und manipulieren." Es habe unter den künftigen Piloten regelrechte Wettkämpfe gegeben, wer am nächsten an ein bestimmtes, willkürlich gewähltes psychologisches Profil herankomme. "Der Sieger hat dann eine Runde gezahlt."

Die psychische Verfassung werde danach im Verlauf der Karriere nicht mehr überprüft, sagt Fuchs. Der Test sei nicht mehr als eine Momentaufnahme. "Ein halbes Jahr später kann alles anders sein." Es wundere ihn, so Fuchs im Hinblick auf die Airbus-Tragödie, "dass so wenig passiert". Er wisse aus eigener Anschauung, dass es unter den Piloten viele psychisch labile Persönlichkeiten gebe. Und: "Es gibt keinen Alko- oder Drogentest, bevor Du in die Luft gehst." Für die Angehörigen der Opfer ist der Umstand, dass Andreas L. den Airbus offenbar bewusst in den Tod steuerte, besonders belastend. "Das ist für sie die schlimmste Art von Katastrophe", erklärt Psychologe Steffen Fliegel. Diese Information würde für die Betroffenen nach dem Absturz in Frankreich nochmals eine Steigerung bedeuten. "Ich denke, dass es mehr als ein normaler Suizid war, das geht in Richtung Amoklauf", meint Psychologe Alois Farthofer. Die Motive könnten verschieden sein. Eine Frust- und Rachereaktion "um jemanden zu schädigen", könne nicht ausgeschlossen werden.

Nach Angaben Fliegels sind die Folgen für die Angehörigen von Katastrophen in Kategorien einzuordnen. Demnach löst ein schweres Unglück zum Beispiel bei einer Naturkatastrophe wie einer Lawine bei den Menschen ein Trauma aus. In Stufen verschlimmere sich dieses dann aber bei Unglücken mit technischer Ursache gefolgt von menschlichem Versagen und dann Fahrlässigkeit. Werde eine Katastrophe mutwillig, absichtlich - und damit geplant - ausgelöst, habe das die schlimmste Folgen für die Psyche von Opfern und Angehörigen.

Anderer Ansicht ist die Traumaexpertin Isabella Heuser von der Berliner Charité. Für die Angehörigen der Opfer sei es immer erleichternd zu wissen, was passiert ist, meint Heuser. "Es ist immer noch besser, einen schrecklichen Grund zu haben als gar keinen Grund."

Betroffenen hilft es, wütend zu sein

Für die Betroffenen könne es gut sein, wenn der erste Schock nach dem Absturz nun in Wut umschlage. "Wut richtet sich nach außen und nicht nach innen." Auf jeden Fall haben die Angehörigen noch einen langen Weg vor sich. Sie fühlten sich hilflos und erlebten eine Art "Stellvertretertrauma". Dass die Insassen des Airbus nach Angaben der französischen Ermittler den bevorstehenden Absturz vermutlich erst "im allerletzten Moment" bemerkt haben, ist für manche vielleicht ein kleiner Trost.

Viele Fluglinien diskutieren nach dem Unglück neue Sicherheitsregeln (siehe untenstehneden Artikel). Die deutsche Pilotengewerkschaft Cockpit warnte jedoch vor Schnellschüssen um neue Sicherheitsmaßnahmen. "Zum jetzigen Zeitpunkt konkrete Maßnahmen zu nennen, wäre viel zu verfrüht", sagte der Präsident der Vereinigung Cockpit (VC), Ilja Schulz, am Donnerstag. Allerdings denkt man über mögliche Konsequenzen nach. "Wir sind grundsätzlich dafür, dass man aus solchen Situationen lernt", sagte Cockpit-Vorstand Markus Wahl. "Wir müssen genau sehen: Was hat jetzt dazu geführt? Welche Nachteile holt man sich mit einer Änderung ein?", heißt es bei der Gewerkschaft.

Nähere Hintergründe zu dem Unglück erhofft sich auch die Polizei bald zu erfahren. Ermittler durchsuchten am Donnerstag rund vier Stunden die Düsseldorfer Wohnung von Andreas L.. Grundlage ist ein Ersuchen der französischen Justiz. Die Luftaufsicht gab unterdessen bekannt, dass bei den routinemäßigen Sicherheitsüberprüfungen des Co-Piloten keine Auffälligkeiten festgestellt wurden.