Rom/Tripolis. Zwei Tage nach dem Untergang eines Flüchtlingsbootes vor der libyschen Küste werden im Mittelmeer nach Angaben von Überlebenden noch bis zu 400 Menschen vermisst. Die Überlebenden der Tragödie waren am Dienstag in Italien an Land gebracht worden und wurden von Mitarbeitern der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und der Nichtregierungsorganisation Save the Children befragt.

Die italienische Küstenwache hatte bekannt gegeben, nach dem Untergang des Bootes 144 Menschen gerettet und neun Leichen geborgen zu haben. Die Flüchtlinge trafen am Dienstag in Reggio Calabria im äußerten Süden Italiens ein, berichteten die IOM und Save the Children.

Möglicherweise ertrunken


"Nach ihren Aussagen sind bei einem Schiffsunglück etwa 400 Menschen ertrunken, 24 Stunden, nachdem das Schiff an der libyschen Küste aufgebrochen war", hieß es in einer Erklärung von Save the Children. Unter den Opfern sind demnach viele junge Männer und wahrscheinlich auch Minderjährige.

Auch die IOM berichtete von Zeugenaussagen, wonach sich bis zu 550 Menschen auf dem Boot befunden haben, als es umgekippt sei. "Wir ermitteln noch, wie es zu dem Untergang kommen konnte", sagte der IOM-Sprecher für Italien, Flavio Di Giacomo. Das Schiff sei womöglich gekentert, als sich die Passagiere gleichzeitig auf eine Seite bewegten, als sie die nahende Küstenwache bemerkten.

Athen will Syrern sofort Asyl geben
Indes will Griechenland Asylbewerbern aus dem Kriegsland Syrien sofort Asyl geben. Dies kündigte die Regierung am Dienstag an. Zunächst hatte es zudem geheißen, die Flüchtlinge könnten dann in andere EU-Staaten weiterreisen. Wenig später nahm ein Sprecher diese Aussage jedoch zurück.

Die Hilfe für notleidende Migranten ist das Ergebnis einer Krisensitzung des Kabinetts unter Vorsitz von Regierungschef Alexis Tsipras. Wie Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis nach der Sitzung sagte, will Griechenland bei der EU beantragen, die Flüchtlinge gleichmäßiger auf alle Mitgliedstaaten zu verteilen. Das Thema sei schließlich "international".

In der EU gilt nach der sogenannten Dublin-II-Verordnung, dass jeweils das Land zuständig ist, über das der Asylbewerber in die EU eingereist ist. Das soll verhindern, dass Asylsuchende in mehreren EU-Ländern gleichzeitig einen Antrag stellen. Das heißt, Flüchtlinge, die in einem anderen Land Asyl beantragen, werden wieder in jenes EU-Land abgeschoben, in dem sie europäischen Boden betreten haben. Die Regeln sind seit Jahren umstritten, weil sich Länder an den EU-Außengrenzen mit der Aufnahme der Flüchtlinge überfordert fühlen.
100.000 Menschen in den kommenden Monaten
Die stellvertretende Ministerin für Migration, Tasia Christodoulopoulou, erklärte im griechischen Rundfunk, sie rechne damit, dass in den kommenden Monaten mehr als 100.000 Migranten vor allem aus Syrien nach Griechenland kommen werden. Offiziere der Küstenwache sagten, sie befürchten eine "bei weitem größere" Anzahl Flüchtlinge.