Bürgermeister Tamas Toldi war zu Hause in Devecser, als der Schlamm kam. "Ich habe einen Anruf bekommen", erinnert er sich, "der Damm sei gebrochen". Toldi fuhr nach Kolontár, jenen Ort, den die Flutwelle zuerst erreichte. "Zuerst habe ich nur gesehen, wie hoch das Wasser stand", sagt Toldi, "dann kam der Schlamm". Zuerst sei der Strom kniehoch gewesen, doch dann wurde er immer breiter und höher. Das erste Haus – es war nur 800 Meter von der Unfallquelle entfernt – hatte der Schlamm bereits nach vier Minuten erreicht. Dann bahnte er sich seinen Weg der Verwüstung über Wiesen und Felder, durch Dörfer und Städte.

Es war der 4. Oktober, als um 12.25 Uhr ein Becken einer Aluminiumhütte im westungarischen Ajka brach. Eine meterhohe, ätzende Giftschlammflut wälzte sich bis zum kleinen Dorf Kolontar und bis zur Stadt Devecser. Zehn Menschen starben, zahlreiche wurden verletzt. - © Wolfgang Machreich
Es war der 4. Oktober, als um 12.25 Uhr ein Becken einer Aluminiumhütte im westungarischen Ajka brach. Eine meterhohe, ätzende Giftschlammflut wälzte sich bis zum kleinen Dorf Kolontar und bis zur Stadt Devecser. Zehn Menschen starben, zahlreiche wurden verletzt. - © Wolfgang Machreich

Die Bilder von der Umgebung rund um das westungarische Dorf Kolontár gingen damals um die Welt. Zu Mittag am 4. Oktober 2010 war der Damm eines Deponiebeckens der Aluminiumhütte Malag gebrochen, weil darin deutlich mehr Rotschlamm gelagert wurde als erlaubt. Rund eine Million Kubikmeter des ätzenden, schwermetallhaltigen Schlamms traten aus und überschwemmten eine Fläche von rund 40 Quadratkilometern. Die Massen färbten den Bach Torna rot und überfluteten die nahe gelegenen Gemeinden. Das Dorf Kolontár wurde evakuiert, zehn Menschen starben, die meisten davon erstickten im Schlamm. Rund 150 weitere wurden verletzt, mehr als 400 müssten ihre Häuser verlassen. Über die Torna gelangte der Giftschlamm weiter bis in die Flüsse Marcal, Raab und schließlich in die Donau. Noch Wochen später trieben tote Fische an der Wasseroberfläche.

Fotostrecke 9 Bilder

30 Tonnen Arsen

"Der Schlamm stand bis zu zwei Meter hoch", erinnert sich Toldi, damals Bürgermeister der 4500-Seelen-Gemeinde Devecser. "Niemand hat gewusst, woher das rote Zeug kommt oder was es war." Rotschlamm besteht hauptsächlich aus Eisenoxid, doch finden sich darin auch Schwermetalle wie Arsen, Blei und Quecksilber. Laut Greenpeace waren in den ausgetretenen Massen mindestens 50 Tonnen Arsen enthalten. Gelangt der Rotschlamm auf die Haut, spürt man zuerst nur Wärme. Die Gefahr wird erst später deutlich, wenn die Haut sich rötet und schließlich abschält.

Dammbruch vor fünf Jahren. - © Wolfgang Machreich
Dammbruch vor fünf Jahren. - © Wolfgang Machreich

"Beim Vorbeifahren an der Aluminiumhütte war uns schon aufgefallen, dass der Damm außen feucht war, aber niemand hätte gedacht, dass er bricht", sagt Toldi. Wäre das Unglück in der Nacht geschehen, hätte die Flutwelle wohl hunderte Menschen aus dem Leben gerissen.
Wie Toldi saßen die meisten Bewohner der nahegelegenen Dörfer zu Hause beim Mittagessen, als es passierte. Sie sahen den Schlamm kommen und flohen in die oberen Stockwerke. Die Masse drückte die Türen nach innen auf, es blieb keine Zeit, das Wichtigste mitzunehmen. Andere wollten helfen, aber niemand wusste, wie toxisch das Material für die Haut ist. Man fing an, nach den Alten zu suchen und nach großen Autos, die in der Lage sind, durch die Fluten zu fahren. "Ein Fahrzeug der Feuerwehr wurde genutzt, um den Schlamm von den Menschen abzuwaschen", sagt Toldi. Hubschrauber brachten die Verletzten ins Spital. "Die Verbrennungen waren so schlimm, dass man bei vielen chirurgisch eingreifen musste."

Jene, die ihre Häuser verloren hatten, schliefen im Turnsaal der Schule auf Feldbetten. Hilfsorganisationen aus dem In- und Ausland reisten an. Während der Aufräumarbeiten standen die Menschen wochenlang im kaminroten, giftigen Schlamm.

Ungarische Behörden mitschuldig

"Ich erinnere mich daran, als ich drei Wochen nach der Katastrophe hier war", sagt Ulrike Lunacek, Grüne Europaabgeordnete und Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, bei einem Besuch in Kolontár fünf Jahre nach dem Unfall. "Ich sprach mit den Angehörigen der Toten, ich fragte mich, wie so etwas passieren kann, was da schief gegangen ist." Zusammen mit Kollegen aus Ungarn, Finnland und Österreich habe sie damals beschlossen nachzuverfolgen, was lokale Behörden und EU tun, damit die Menschen entschädigt würden.

Drei Monate nach der Katastrophe, im Jänner 2011, wurde klar, dass die ungarischen Behörden die Tragödie mitverschuldet hatten. Aus einem Gutachten der Europäischen Kommission ging hervor, dass sie den giftigen Rotschlamm nicht als Sondermüll klassifiziert hatten. Ungarn habe die betreffende EU-Richtlinie nicht eingehalten.

Bereits zehn Tage nach der Überschwemmung nahm das Aluminiumwerk seine Arbeit wieder auf, die Menschen duften zurück nach Kolontár. Kurz darauf fanden Greenpeace-Aktivisten heraus, dass weiterhin Rotschlamm in den Bach lief. Die Grenzwerte für Arsen, Aluminium und Kohlenstoff gingen durch die Decke. Ein Jahr später wurde die Malag zu einer Strafzahlung von 500 Millionen Euro verurteilt, doch das Unternehmen war bankrott. Bis heute hat es keinen Cent bezahlt. Der Staat sprang ein und baute 90 Häuser in Devecser und Kolontár, diesmal auf sicheren Anhöhen. Die Spuren der Katastrophe sind heute nicht mehr sichtbar, doch die psychischen Folgen sind lange nicht überwunden. "Das rote Gift hat sich in die Seelen der Menschen gebrannt", sagt Ex-Bürgermeister Toldi. Obwohl genug neue Häuser gebaut wurden, seien neun Prozent der Menschen nicht zurückgekehrt. Toldi glaubt, dass sie die Ereignisse nicht verarbeiten können und woanders neu anfangen wollen.

Zwar haben die Opfer wiederholt gegen die Aluminiumfabrik Malag geklagt, Schadenersatz bekamen sie aber keinen. Seit das zuständige Gericht urteilte, dass die Katastrophe nicht auf menschliches Versagen zurückgeht und auch nicht vorhersehbar war, ist die Hoffnung geschwunden, die Verantwortlichen je zur Rechenschaft zu ziehen.

Versicherung zahlte 17.000 Euro

Fünf Jahre nach dem Unfall führt ein Sprecher des Unternehmens die Europaabgeordnete Lunacek und eine Delegation von Journalisten durch das Firmengelände. Malag hat seine Strategie geändert, es wird nun kein flüssiges Material mehr gelagert. Dort, wo früher die Schlammbecken lagen, wird der Industriemüll nun in Form von rotem Schutt Schicht für Schicht aufgeschüttet und plattgewalzt. Deiche und Betonbecken sorgen dafür, dass keine Schadstoffe ins Grundwasser gelangen. Malag ist pleite, der Staat hat die Kontrolle übernommen und sorgt dafür, dass alle Richtlinien eingehalten werden.

Obwohl die kontaminierte, oberste Schicht des Erdreichs abgetragen wurde, wird es 15 Jahre dauern, bis der Boden um Kolontár frei sein wird von Giftstoffen. Auf dem verseuchten Boden wurden Bäume gepflanzt, die Schwermetalle aufnehmen und später zu Pelletts verarbeitet werden. Auch diese Maßnahmen hat der Staat finanziert – mit umgerechnet mehr als 127 Millionen Euro. Die Versicherung von Malag bezahlte lediglich 17.000 Euro.

Genau das kritisieren Luncaek und ihre Kollegen von den Grünen in Ungarn. Das Verursacher-Prinzip, sind sie überzeugt, müsse für die Prävention und Aufarbeitung von Umweltkatastrophen an oberster Stelle stehen.

"Zum fünften Jahrestag starten wir Grüne im Europäischen Parlament in Straßburg einen neuen Anlauf, um ein weiteres Kolontár in Ungarn oder in der EU zu verhindern", sagt Lunacek. Am Mittwoch findet zudem eine Debatte mit der Kommission zum Thema statt. "Es darf nicht sein, dass Gewinne an Konzerne gehen, der finanzielle und ökologische Schaden bei Katastrophen aber von den Steuerzahlern getragen werden muss." Lunacek fordert verpflichtende Versicherungen, die potenziellen Gefahren gerecht werden. "Wenn sie es nicht freiwillig machen", so die Vizepräsidentin des Europaparlaments, "dann müssen wir die Unternehmen eben zu einem verantwortungsvollen Risikomanagement zwingen".