Salam wohnt ganz in der Nähe des Platzes. Über Betontreppen erreicht er die Kellerwohnung. Im Vorraum stapeln sich Schuhe, in der Dusche plätschert Wasser, aus der schmalen Küche dringen Stimmen. Salam teilt sich mit 13 anderen jungen Männern einen Schlafraum; vier Stockbetten bieten acht Personen Platz, die anderen sechs schlafen am Boden. Am Schrank hängt ein Zettel. "Unsere Regeln für das Zusammenleben", sagt Salam; Das Geschirr soll regelmäßig abgewaschen, das Bad sauber gehalten werden. "Außerdem ist uns wichtig, hier so wenig als möglich zu rauchen, damit die Luft im kleinen Raum erträglich bleibt."

Salam setzt sich auf eines der Betten: "Hundert Dollar bekommt der türkische Vermieter pro Person und Monat." Wie Salam sind auch seine Freunde aus Deir ez-Zor. Die meisten werden vorerst in Istanbul bleiben. Zwei von ihnen wollen nach Europa. Schwimmwesten haben sie bereits gekauft; für 20 US-Dollar das Stück. "Es ist schwer, als Syrer gute Arbeit zu finden", sagt Salam. Er arbeitet am Stadtrand von Istanbul, in einer Fabrik, die Aluminium-Türen herstellt. Zwölf Stunden am Tag. Hinzu kommen drei Stunden für Hin- und Rückfahrt. "Sie beuten dich aus." 1000 türkische Lira erhält er im Monat, etwa 320 Euro. Versichert sei er nicht. "Das Geld reicht gerade, um Miete und Essen zu bezahlen."

Türken bekommen für die selbe Arbeit mehr Geld bei geringerer Arbeitszeit und sind versichert. In den Verteilerdosen am Boden stecken die Aufladegeräte der Smartphones. "Es gibt hier WLAN", sagt Salam. "Das ist wie Sauerstoff für uns." Auf seinem Smartphone Fotos aus besseren Zeiten: Die Weinlaube vor seinem Haus, ein Geburtstagskuchen. Bilder von in den Sand gemalten Herzen. Aber immer wieder holt ihn der Krieg ein: Auf Facebook hat er ein Foto eines Freundes gepostet: Bis zuletzt war dieser in Deir ez-Zor geblieben, um der Welt über die Verbrechen des IS zu berichten. Vor wenigen Tagen wurde er hingerichtet.

Zukunft trotz Krieg

Im Kaffeehaus am Rande des Aksaray Platzes sitzen neue Gesichter. Smartphones am Ohr, müde Augen, und über allem der Ruf des Muezzins zum Abendgebet. Kemal der Kellner raucht eine schnelle Zigarette. Zwei Stunden noch, dann endet seine Schicht. Ein Flugzeug im Tiefflug zieht über Istanbul. Von hier unten sieht es aus, als würde es in der Luft stehen. Es kann noch eine Weile dauern, aber irgendwann werde er Medizin studieren, sagt Kemal. "Meine Zukunft endet nicht wegen des Kriegs."