Padre Pio ist ein Star unter den Heiligen. Um es den Pilgern leichter zu machen, wurden am Mittwoch seine sterblichen Überreste von Apulien nach Rom überführt. Wie Radio Vatikan berichtete, wurde der Transport von zwei Polizeieskorten begleitet. Im sogenannten Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, das am 8. Dezember 2015 begonnen hat und bis zum 20. November 2016 dauert, werden sie gemeinsam mit den Knochen des ebenfalls heiliggesprochenen Kapuziners Leopold Mandic (1866-1942) in der Basilika San Lorenzo fuori le Mura ausgestellt.

Während Padre Pio (bürgerlich Francesco Forgione, 1887-1968) eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf Pilger ausübt, ist er unter kritisch Denkenden ziemlich umstritten. So berichtet der Historiker Sergio Luzzatto in seinem Buch "Padre Pio. Miracoli e politica nell'Italia del Novecento" (Wunder und Politik im Italien des 20. Jahrhunderts) von seltsamen Einkäufen des eifrigen Beichtvaters in der Apotheke von Foggia. Mit Karbolsäure und dem Nervengift Veratrin habe Pater Pio sich die Wundmale Christi zugefügt und die dadurch entstehenden Schmerzen gelindert. Quelle der Berichte über die Lieferung der Chemikalien an den Heiligen ist übrigens der Vatikan.

Dort war man auf den stigmatisierten Ordensmann, der seit dem 20. September 1918 mit den fünf Wundmalen Christi durchs Leben schritt, lange Zeit nicht gut zu sprechen. Der Arzt und Psychologe Agostino Gemelli, ein Franziskaner, nannte Pio 1923 in einem Bericht eine hysterische Persönlichkeit. Johannes XXIII. stieß sich an einem verzückten Damenflor, mit dem der umtriebige Mönch auch sexuelle Beziehungen unterhalten haben soll. Die Stigmatisierung nannte der Reformpapst einen"immensen Betrug".

Das hinderte und hindert die Pio-Fans freilich nicht, in Millionenscharen nach San Giovanni Rotondo in Apulien zu pilgern, wo Renzo Piano 2004 eine Großkirche für die Pilger gebaut hat. Dort ist er längst die wichtigste Einnahmequelle, und man zögert nicht, wundersame Geschichten zu bestätigen. Er heilte Blinde, fand verschwundene Kinder und befand sich manchmal gleichzeitig an zwei Orten, heißt es. Laut dem deutschsprachigen St. Padre Pio Shop ist er sogar nach seinem Tod "einer begnadeten Seele erschienen", um ihr Botschaften zu übergeben. Als er noch auf Erden weilte, soll er Hostien vermehrt und Flugzeuge ferngelenkt haben. Laut den Berichten soll er auch Raupen aus Mandelbäumen vertrieben und eine Exekution per Fernsegen verhindert haben.

Der Druck der gut organisierten Pio-Anhänger ließ die Skeptiker im Vatikan schließlich verstummen. 1999 wurde er seliggesprochen, 2002 folgte die Heiligsprechung. Nun wird Pater Pio für rund ein Jahr in Rom präsentiert. Dass sein verwestes Gesicht durch eine Plastikmaske ersetzt wurde, wird die Gläubigen nicht stören. Und die römischen Devotionalienhändler dürfen auf eine wundersame Vermehrung der Gewinne hoffen.