Tiere haben sich an hohe Strahlendosis angepasst

Ohnehin haben die Tiere der Region sich gut an die hohe Strahlung angepasst, berichten die Forscher aus Texas. So stecken heute noch beträchtliche Mengen der radioaktiven Isotope Cäsium-137 und Strontium-90 im Boden. Der Organismus von Säugetieren verwechselt diese Substanzen mit dem lebensnotwendigen Kalium und Kalzium. Vor allem Nagetiere, die ihre Nahrung häufig aus dem Boden oder direkt von der Oberfläche holen, bauen diese radioaktiven Elemente in Muskeln und Knochen ein, wo sie nach den Messungen der Forscher für eine relativ hohe Strahlenbelastung verantwortlich sind.

Trotzdem finden Ron Chesser und Robert Baker nur wenige Veränderungen im Erbgut der Tiere. Offensichtlich haben sich die Organismen an die hohen Strahlendosen angepasst und reparieren auftretende Schäden im Erbgut schneller als Tiere aus strahlungsarmen Regionen. Die Wühlmäuse aus dem Sperrgebiet sind nach diesen Untersuchungen trotz ihrer hohen Strahlenbelastung genauso gesund wie die Tiere in nicht belasteten Gebieten.

Für Tiere sind die negativen Auswirkungen der Strahlenbelastung offensichtlich geringer als befürchtet. Gleichzeitig profitieren sie vom Rückzug des Menschen - und erobern ihre alte Heimat rasch zurück. Bereits acht Jahre nach der Katastrophe zählten Wissenschafter im Umkreis des Tschernobyl-Reaktors dreimal mehr Tiere als vorher. Weißrussland hat aus solchen Zählungen längst Konsequenzen gezogen und seinen Teil des Sperrgebietes zum "staatlichen radioökologischen Naturpark" erklärt. Dort wurden vom Aussterben bedrohte Arten wie Wisente angesiedelt, auf der ukrainischen Seite wurden Przewalski-Pferde freigelassen.

Offensichtlich floriert dieser Naturpark. Jim Smith von der University of Portsmouth in England und seine Kollegen aus Weißrussland, Japan und den USA zählen mit Helikopter-Flügen und durch wissenschaftliche Auswertung von Wildspuren im Schnee seit der Reaktorkatastrophe, wie viele Rehe, Rothirsche, Elche, Wildschweine und Wölfe dort unterwegs sind. Diese Daten vergleichen sie in der Zeitschrift Current Biology mit anderen Naturschutzgebieten in Weißrussland und Russland - auffällige Unterschiede finden sie nicht. Offensichtlich hat die Radioaktivität also wenig Einfluss auf die Bestände dieser großen Säugetiere. Viel wichtiger scheint dagegen der Einfluss des Menschen. "Fällt er weg, kommen die Tiere zurück", fasst Tobias Kümmerle zusammen.

Von diesem Effekt scheinen vor allem die Wölfe zu profitieren, von denen Jim Smith und seine Kollegen sieben Mal mehr als in vergleichbaren Gebieten zählen. Ähnlich gut scheint es den Tieren auch im Sperrgebiet der Ukraine zu gehen. Dort baut Mike Wood von der Universität im englischen Salford seit 2015 in drei Untersuchungsgebieten Fotofallen auf, die in den ersten zwölf Monaten schon weit mehr als 150.000 Aufnahmen verschiedener Tiere lieferten.

Rotwild und Elche, Rehe und Wildschweine

Immer wieder tauchen darauf Wölfe auf. Elche, Rotwild, Rehe und Wildschweine sehen die Forscher ebenfalls häufig. Aber auch den seltenen Schwarzstorch sowie Luchse. Den im Sperrgebiet freigelassenen Wisenten und Przewalski-Pferden geht es gut, und sie haben sich kräftig vermehrt. Jedenfalls zeigen die Fotofallen-Bilder immer wieder Pferde ohne die Brandzeichen, mit denen die Ursprungspopulation in die Natur entlassen wurde.

Die größte Sensation aber war ein Braunbär in der Fotofalle. Diese Art war seit Menschengedenken in der Umgebung von Tschernobyl nicht mehr gesehen worden. So furchtbar die Reaktorkatastrophe dort auch war - der Natur hat sie weit weniger geschadet als die Menschen.