Kiew. (n-ost) Eigentlich spricht Nata Zhyzhchenko, die Frontfrau der Band "Onuka" und die erfolgreichste Electro-Musikerin in der Ukraine, auf ihren Konzerten nicht viel zu ihren Fans. Doch bevor sie ihren neuen Track "1986" in Kiew vor einem überfüllten Saal vorstellt, holt sie für eine längere Rede tief Luft. "Das nächste Stück ist sehr wichtig für mich. Es ist den Liquidatoren der Tschernobyl-Katastrophe gewidmet, den Menschen, die die Welt gerettet haben. Danke dafür", sagt sie dann.

Die Melodie, die "Onuka" spielt, ist ruhig und nachdenklich. Auf einer Leinwand hinter der Band sieht man grafische Darstellungen von Wölfen, Hasen und Bären, ihre weißen Konturen zeichnen sich vor dem schwarzen Hintergrund ab. Eine lyrische Liebeserklärung an die Natur von Tschernobyl. Erst nach der Hälfte des beinahe sechs Minuten langen Stücks wird die Harmonie plötzlich von einer besorgten weiblichen Stimme unterbrochen. Man hört den Originalmitschnitt eines Gespräches zwischen der Telefonzentrale der Stadt Prypjat und der Feuerwehr vom 26. April 1986. Nun erscheinen auf der Leinwand vier rote Ziffern: "1986".

Nata Zhyzhchenko ist selbst in der Familie eines Liquidators aufgewachsen. Als der vierte Reaktor des Tschernobyl-Kraftwerks explodierte, war sie ein Jahr alt. "Mich hat dieses Thema schon immer interessiert, und ich wollte es eines Tages künstlerisch verarbeiten", erzählt sie. Von der Tschernobyl-Sperrzone weiß Zhyzhchenko nicht nur von ihrem Vater. Sie selbst fährt regelmäßig hin, sogar sehr gerne. "Das verlassene Prypjat ist für mich eine der besten Städte auf dieser Welt. Dort bin ich besonders inspiriert." Parallel zu ihrer Musik-Karriere hat Zhyzhchenko Ethnographie und Kulturwissenschaften studiert. Ihre Abschlussarbeit hat sie zum Thema "Der Einfluss des Atomunfalls im Tschernobyl-Kraftwerk auf die Kulturregion Polesien" geschrieben.

Die Sperrzone als Staat im Staat der Ukraine

Auch der Schriftsteller Markijan Kamysch hat als Sohn eines Liquidators schon früh Zeit eine Faszination für Tschernobyl entwickelt: "Einen exotischeren Ort als diesen gibt es nirgendwo sonst. Er ist wie ein eigenständiger Staat innerhalb der Ukraine, der nach eigenen Gesetzen funktioniert." Mehr als 200 Tage hat Kamysch bereits illegal in der Zone verbracht, ist durch die Wälder gewandert, hat in verlassenen Häusern geschlafen. "Manche bezeichnen mich als Stalker, manche als Idioten. Aber für mich ist es der exotischste Ort auf der ganzen Welt", erklärt der 27-Jährige, warum er sich dort so wohl fühlt. Kamysch ist gerade aus Frankreich zurück, wo sein Debütroman "La Zone" beim Flammarion-Verlag erschienen ist.

In Kamyschs neuem Roman "Kiew-86", den er in einem Kiewer Buchladen präsentiert, geht es wieder um die Tschernobyl-Katastrophe, diesmal aber arbeitet der Autor mit einem phantastischen Narrativ. Kamysch spielt ein Szenario durch, in dem auch Kiew zu einer radioaktiven Wüste wird. "Diese Gefahr bestand tatsächlich. Es gab sogar schon Pläne für die Evakuierung Kiews," versichert Kamysch seinen etwa 50 Zuhörern. "Nur dank der Liquidatoren erleben wir Kiew heute so, wie es ist, sie haben verhindert, dass Kiew zum zweiten Prypjat wurde."

"Kiew-86" hat Kamysch seinem Vater gewidmet. Nach seinem Tschernobyl-Einsatz bekam er gesundheitliche Probleme und starb vor 15 Jahren im Alter von nur 45 Jahren.

Nach der Lesung bildet sich eine lange Schlange derer, die um ein Autogramm bitten. Die Romane von Kamysch sind beinahe die einzigen Beispiele für eine Aufarbeitung des Themas Tschernobyl in der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Wenn man nach dem Thema in einer beliebigen Buchhandlung fragt, bekommt man höchstens noch die neue ukrainische Auflage des Romans "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" der belarussischen Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch angeboten.

Supergau ist zum 30. Jahrestag zum Mega-Thema geworden

Zwar gibt es rund um das 26. April viele Tschernobyl-Dokumentationen im Fernsehen, sowie auch diverse Diskussions- und Gedenkveranstaltungen, doch insgesamt ist Tschernobyl ein eher marginales Thema. Das größte Trauma der Ukrainer der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde nun auch auf den Bücherregalen von der Maidan-Revolution und dem Krieg im Osten der Ukraine verdrängt.

"Zum 30. Jahrestag wollen allerdings alle plötzlich etwas zum Thema Tschernobyl machen", sagt Stanislav Menzelevskyi, Kulturwissenschafter und Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des Dovzhenko Zentrums in Kiew. Menzelevskyi glaubt, dass dieses bürokratische "Jahrestagsdenken" eine Fortsetzung der sowjetischen Erinnerungspolitik ist. "Statt uns nur einmal im Jahr daran zu erinnern, müssten wir ständig mit dieser traumatischer Erfahrung arbeiten," sagt er. Das Vergessen sei die Kehrseite des bürokratischen Gedenkens. Beide sollten überwunden werden, meint der Kulturwissenschaftler. Genau das ist auch das Anliegen von Nata Zhyzhchenko: "Ich glaube, das Thema Tschernobyl ist noch sehr aktuell, obwohl es in unserer Gesellschaft in den Hintergrund geraten ist. Wenn es uns gelingt, mit der Musik von ‚Onuka‘ an dieses wichtige Ereignis in unserer Geschichte zu erinnern und vielleicht einen neuen Blick darauf zu werfen, wäre ich glücklich."

Die Katastrophe mit neuen Augen zu sehen, versuchen auch die Organisatoren des Festivals für Film und Urbanistik "86", das bereits zum dritten Mal in der Stadt Slawutytsch im Mai stattfinden wird.

Die Katastrophe mit neuen Augen sehen

Diese Stadt wurde gleich nach dem Atomunfall 50 Kilometer östlich von Tschernobyl errichtet, man hat damals dafür Architekten aus der ganzen Sowjetunion eingeladen. Die jüngste Stadt der Ukraine ist dann zur neuen Heimat für die Mitarbeiter des Tschernobyl-Kraftwerks geworden. Während des Festivals werden dort nicht nur Filme aus der ganzen Welt gezeigt, die sich mit den Themen wie Stadtbau und Atomenergie auseinandersetzten, sondern es findet auch ein Filmwettbewerb für junge ukrainische Regisseure statt, "MyStreetFilmsUkraine".

Die Ko-Gründerin des Festivals, Nadia Parfan, formuliert die Idee dahinter so: "Wir versuchen in Slawutytsch unter anderem auch neue Namen zu entdecken und Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Denn für uns bedeutet ‚86‘ nicht nur ein Ende, sondern auch einen Anfang."