Tel Aviv. "Business as usual" soll herrschen am Tag danach. Am Mittwochabend hatten zwei Palästinenser aus der Kleinstadt Yatta im Westjordanland ein Restaurant im Sarona-Viertel von Tel Aviv betreten, etwas zu trinken bestellt - und danach ihre Gewehre hervorgezogen. Vier Tote israelische Zivilisten und rund ein Dutzend Verletzte ließ das Attentat zurück. Videoaufnahmen aus dem Restaurant zeigen panikerfüllte Menschen, die nach den ersten Gewehrschüssen fluchtartig von ihren Tischen davonhetzen.

Am nächsten Morgen ist das Restaurant bereits wieder gefüllt: Aus allen Teilen Tel Avivs und der näheren Umgebung sind die Menschen in das Sarona-Viertel im Zentrum geströmt. Ihre Anwesenheit soll zeigen: Tel Aviv lässt sich nicht unterkriegen, auch nicht vom zweiten tödlichen Attentat mit Schusswaffen seit Jahresbeginn. Die starke Präsenz von Sicherheitskräften, der medienwirksame Besuch des neuen Verteidigungsministers Avigdor Lieberman am Tatort, der dort umgeben von Bodyguards für die Kameras einen Kaffee trinkt, zeigt aber auch: Die "dritte Intifada" ist noch nicht vorbei.

Der Gewaltausbruch, der im Oktober 2015 begann, trug seither viele Namen: "Intifada der Messer", weil die Mehrzahl der Attentate mit Stichwaffen begangen wurde, "Intifada der Jugend", weil meist von Teenagern und jungen Erwachsenen begangen. Am treffendsten ist indes die Bezeichnung "Intifada der Individuen". Anders als die beiden früheren palästinensischen Aufstände ist diese Kette an Gewalttaten nicht von einer Organisation wie der radikalislamischen Hamas lanciert noch gesteuert. Die beiden miteinander verwandten Attentäter im Sarona-Viertel stehen beispielhaft dafür: Am Tag nach dem Anschlag bekannten sowohl der Bürgermeister von Yatta wie das Oberhaupt der Attentäterfamilie gegenüber Medien, die beiden Cousins seien bisher weder politisch aktiv noch einer Organisation verbunden gewesen.

Die Hamas, Machthaberin im Gazastreifen, schmückte sich gleichwohl umgehend mit dem Anschlag als ein Zeichen des "unaufhaltsamen Kampfes gegen die Besatzung", wie Anführer Ismail Haniyeh auf Twitter verkündete, und kündigte weitere Akte während des noch jungen muslimischen Fastenmonats Ramadan an. Dass Attentäter sofort von der Hamas vereinnahmt werden, gehört zum Standardprogramm der Reaktionen nach einem Anschlag - möglich, dass das militante Gedankengut eine Rolle gespielt hat; die Hamas hat vor allem in der Region im Hebron, wo auch die Kleinstadt Yatta liegt, erheblichen Einfluss. Für eine direkte Beteiligung, die der Einzeltäterthese widersprechen würde, gibt es aber bisher keine Belege.

Palästinenser katapultieren sich ins Abseits

Der Anschlag wird trotzdem Einfluss auf die in den vergangenen zwei Wochen aufgekeimten Hoffnungen haben, das israelisch-palästinensische Verhältnis könnte wider Erwarten in Bewegung geraten. Bei seinem Amtsantritt vor rund zehn Tagen demonstrierte der neue Verteidigungsminister Lieberman, bisher als Hardliner bekannt, in Übereinstimmung mit seinem Regierungschef Benjamin Netanjahu überraschende Offenheit für eine Zweistaatenlösung mit den Palästinensern unter Vermittlung der Arabischen Liga. Dieser Plan muss nicht komplett vom Tisch sein - saudische wie ägyptische Offizielle haben den Anschlag bereits verurteilt; das Gewicht der Palästinenser in solchen Gesprächen dürfte jedoch weiter geschrumpft sein. Keine der verschiedenen politischen Fraktionen im Westjordanland hat das Attentat uneingeschränkt verurteilt: Die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) nannte es eine "erwartbare Antwort" auf die hohe Zahl der getöteten Palästinenser der letzten Monate, und die Fatah-Partei von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas hielt fest, Israel müsse sich der Konsequenzen der "Häuserzerstörungen, Zwangsumsiedlungen und Tötungen von Palästinensern an den Checkpoints" bewusst werden. Solche nur halb verschleierten Absolutionen von Gewaltakten gegen Zivilisten sowie die kolportierten Bilder und Videos von Gruppen im Westjordanland und in Ostjerusalem, die die Attentäter von Tel Aviv hochleben lassen, werden das Misstrauen auf israelischer Seite gegenüber palästinensischen Gesprächspartnern kaum dämpfen.

Die Regierung in Jerusalem hat denn auch in Koordination mit dem Militärkommando rund 80.000 Einreisevisa für Palästinenser aus dem Westjordanland sowie 200 aus dem Gazastreifen für den Fastenmonat Ramadan umgehend sistiert, zwei zusätzliche Armeebataillons wurden in die besetzten Gebiete geschickt und die Ortschaft Yatta vollkommen abgeriegelt.

Kritische Worte des Bürgermeisters

Dass zwischen den Anschlägen auf Zivilisten und der seit 49 Jahren andauernden israelischen Besatzungspolitik in den Palästinensergebieten ein Zusammenhang besteht, sieht man indes auch im israelischen Mainstream ein: Ron Huldai, Bürgermeister von Tel Aviv, sagte gestern im Armeeradio: "Man kann nicht eine andere Nation unter Besatzung halten und darauf hoffen, sie würden sich mit der Situation friedlich abfinden. Wir müssen unseren Nachbarn glaubhaft machen können, dass wir bereit sind, zu einem kleineren Gebiet mit einer deutlichen jüdischen Mehrheit zurückzukehren."