Moskau. Das Grauen ist für Julia eine Nummer. In der Zelle "303" wurde sie von ihren Zellengenossinnen misshandelt und geschlagen. Sie litt an Bewusstseinsverlust und Nervenzusammenbrüchen. "Das ist ein Ort, wo du lieber sterben würdest." Warum gerade sie zur Zielscheibe wurde, kann sie nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht, weil Julia wegen Diebstahl vor Gericht keine so hohen Haftstrafen erwarten muss wie die anderen, die wegen Drogendelikten angeklagt sind. Vielleicht aber auch, weil die Zelle schon seit Wochen notorisch überbelegt ist. Ein Dutzend der 54 Frauen in der Zelle musste zuletzt auf dem Boden schlafen, und ständig kamen neue Insassinnen hinzu. Als einen aggressiven Kampf um Platz, Essen und Ressourcen beschreibt es Julia gegenüber der Bürgerrechtlerin Anna Karetnikowa. "Natürlich wird man bei diesen Zuständen verrückt."

U-Haft 666, die "Frauenhölle", ist um 57 Prozent überbelegt


Die Gewalt hat dem Moskauer Untersuchungsgefängnis Nummer 6 in russischen Medienberichten das zweifelhafte Attribut "U-Haft 666" eingebracht. "Frauenhölle" hat es das Boulevardblatt "Moskowski Komsomolez" in einem Artikel genannt. Anfang Juni war das Gefängnis um 57 Prozent überbelegt. Die dortigen Zustände würden derzeit vom zuständigen föderalen Dienst für Strafvollzug überprüft, behauptet die Behörde auf Anfrage der "Wiener Zeitung".

Vor allem in den jüngeren Jahren steigt die Zahl der U-Häftlinge in Russland wieder an. Auch eine Zunahme von Gewalt an den Insassen lässt sich beobachten. "Ich bin überzeugt, dass die Gewalt in den Gefängnissen wächst", so Lew Ponomarjow, Direktor der Bewegung "Für Menschenrechte", auf einer Konferenz in Moskau. Die russischen Gefängnisse gehören ohnehin zu den brutalsten der Welt. Misshandlungen von Insassen, aber auch Folterungen durch das Personal stehen auf der Tagesordnung. Nirgends in Europa sterben so viele Menschen in Haft wie in Russland: 2013 waren es offiziell rund 4200 Menschen, 461 von ihnen durch Selbstmord. Auf 1000 Inhaftierte kommen somit sechs Todesfälle. Der europäische Durchschnitt liegt laut dem aktuellen des Europarates bei 2,8 Todesfällen. Obwohl die Zahl der Häftlinge in Russland seit 2000 um 40 Prozent verringert wurde, gehört Russland zu den Top-Ländern, was die Haft pro Kopf betrifft. Bei einer Gesamtzahl von 642.000 Insassen kommen auf 100.000 Einwohner somit 445 Inhaftierte, so das International Centre for Prison Studies. Zum Vergleich: In Österreich sind es 95, in Deutschland 78. Die meisten Inhaftierten pro 100.000 Einwohner haben die Seychellen (799) und die USA (698).