Krätzls Buch enthält einen interessanten Beitrag von Ivo Fürer, dem früheren Bischof von St. Gallen. Die 1996 entstandene sogenannte Gruppe von St. Gallen, der fortschrittlich gesinnte Kardinäle und Bischöfe angehörten, brachte im Konklave 2005 Jorge Mario Bergoglio als Alternative zu Joseph Ratzinger ins Spiel. Acht Jahre später fiel dann die Wahl auf den Argentinier, von dem Krätzl sagt: "Papst Franziskus hat mir trotz meines vorgerückten Alters noch einmal neue Freude an der Kirche und am Wirken Gottes geschenkt."

Freude sei für diesen Papst das "wichtigste Thema", sagt ein neues Buch mit dem Titel "Freude! Durch den Advent mit Papst Franziskus": "Dieses Thema zieht sich durch alles, was der Papst sagt und tut." Sein Programm hat Franziskus in der Enzyklika "Evangelii gaudium" (Die Freude des Evangeliums) dargelegt, sein Schreiben "Amoris laetitia" (Die Freude der Liebe) schlägt neue Töne zu Ehe und Familie sowie zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen an.

Mit 80 Jahren hat dieser sehr authentisch wirkende Papst, zu dessen großen Leistungen das Aufräumen in der zum "Geldwäscheinstitut" verkommenen Vatikanbank zählt, noch viel Arbeit vor sich. Sein Kirchenbild, jenes des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), dem Franziskus endlich zum Durchbruch verhelfen will, sieht nicht vor, dass der Bischof von Rom einsame Entscheidungen trifft, sondern im Konsens mit kollegial kooperierenden Bischöfen. Doch auch die Teilhabe des Kirchenvolkes ist ihm wichtig. Franziskus will eine Kirche mit aktiven Mitgliedern. Es ist ihm lieber, wenn Fehler passieren, als wenn gar nichts gemacht wird. "Runter vom Sofa!", rief er heuer im Sommer den Teilnehmern am Weltjugendtag in Krakau zu.

Für seinen Reformkurs, der auch die Aufwertung von Frauen in der Kirche beinhaltet, braucht Franziskus viele Gleichgesinnte in hohen kirchlichen Rängen. Das erfordert entsprechende Ernennungen von Bischöfen und Kardinälen. Hat er dafür noch genug Zeit? Wird sein Nachfolger womöglich das Rad wieder zurückdrehen?

Man möchte Andreas Englisch zustimmen, wenn er sagt, das mache nichts aus: "Denn was zählt, ist, dass es diesen Papst gegeben hat und dass dieser Papst den Päpsten, solange es sie geben wird, mit seinem Beispiel eine Mahnung sein wird."