Foggia. Sie ist einflussreich, präsent und scheinbar unverwüstlich: die italienische Mafia. Die Paten gehen seit mehr als hundert Jahren ihren Geschäften nach, jetzt sorgen sie wieder für Schlagzeilen. Unweit von San Marco in Apulien, da, wo der italienische Stiefelsporn ins Meer ragt, sind am Mittwoch Mario Luciano Romito, Capo des Romito-Clans, dessen Schwager und zwei Bauern - Brüder, die zufällig am Ort des Geschehens waren - erschossen worden. Als die Polizei eintraf, waren die Täter über alle Berge. Zeugen gab es keine. Niemand hat etwas gesehen und gehört. Der legendäre Chicagoer Gangster Al Capone hätte seine Freude gehabt.

Am Tag nach der Bluttat weiß man, dass die Täter aus dem Auto auf ihre Opfer geschossen haben. Die beiden unbeteiligten Landwirte hatten noch versucht, mit ihrem Lieferwagen, den sie in einem Feld geparkt hatten, zu flüchten, wurden aber angehalten und ebenfalls getötet. Capo Mario Luciano Romito hatte bereits die letzten Jahre in Angst verbracht, er war ein wandelnder Toter. Am 18. September 2009 hatte er einen Sprengstoffanschlag überlebt; eine Bombe im Motor seines Autos explodierte.

Die Morde am Mittwoch waren Resultat einer Fehde zwischen dem Romito- und dem Libergiolis-Clan. Es handelt sich um die Vergeltungsaktion für einen Doppelmord im Mai, bei dem ebenfalls in San Marco ein Mafioso und dessen Neffe getötet worden waren, berichten die Ermittler. "Die Mafia in Foggia ist besonders gewalttätig. Sie ist aggressiver als mafiöse Organisationen wie Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra", sagt Anti-Mafia-Staatsanwalt Franco Roberti.

Es geht um die Kontrolle illegaler Geschäfte wie Drogenhandel. In den vergangenen 30 Jahren mussten 300 Menschen ihr Leben lassen, 80 Prozent der Morde blieben ungestraft.

Die verschiedenen Mafia-Organisationen haben auch im Italien des 21. Jahrhunderts enorme wirtschaftliche Bedeutung; die Camorra erzielt in gewissen Gegenden Jahresumsätze im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich. Die Kriminellen saugen den Staat aus: Schadhafte Straßen, nicht funktionierende Kanalisation und Müllabfuhr, fehlende Kindergärten und Fußballplätze legen Zeugnis davon ab. Die Menschen leben in Armut, es gibt wenig Perspektiven, und viele machen gemeinsame Sache mit der Mafia, um an Geld zu kommen. 2500 Euro bekommt man für einen Mord, und es gibt viele, die dazu bereit sind.

Nach wie vor gilt, dass die verschiedenen mafiösen Organisationen in Italien straff und vor allem enorm patriarchal-autoritär organisiert sind. Es gibt eiserne Regeln, und der Capo besteht auf Respekt. Im Endeffekt ist es er, dem sich alle anderen bedingungslos unterzuordnen haben. Interessanterweise ist der Capo meist aber auch ein respektiertes Mitglied der Gemeinschaft.

Netz aus Abhängigkeiten

Asia Rubbo erforscht die Alltäglichkeit der Mafia in Süditalien. "Der Mafioso gilt als ein absolut normaler Mensch", erklärt Rubbo gegenüber der "Wiener Zeitung". In einem Dorf wüssten beispielsweise alle, wer der Boss sei und in welche Geschäfte er involviert wäre. Diese Autorität schaffe und zementiere der Capo, indem er das Funktionieren einer Gemeinschaft und den sozialen Frieden an ein Netz aus Gefälligkeiten, Arbeitsplätzen und Krediten knüpft, erzählt Rubbo. Obwohl der Kopf niemals wirtschaftlichen Wohlstand in seiner Einflusszone erlauben werde, binde er die von ihm Abhängigen an sich, indem er ihnen hin und wieder ein "Zuckerl", zum Beispiel schnell benötigtes Geld in einem Notfall, zuschiebe.

Rubbo merkt an, dass der jüngste Vorfall in Apulien auf eine interne Krise der apulischen Mafia hinweisen könnte. "Auf Sizilien und in Kalabrien etwa agiert die Mafia leise und unauffällig - und erfolgreich. Sie hat es nicht nötig, dauernd von sich reden zu machen."