London. Es erinnert an einen Thriller aus dem Kalten Krieg: Ein früherer russischer Doppelagent ist in Großbritannien Medienberichten zufolge möglicherweise vergiftet worden. Die Polizei teilte am Montag mit, ein in Lebensgefahr schwebender Mann und eine Frau seien in der Stadt Salisbury in ein Krankenhaus gebracht worden. Sie würden wegen "mutmaßlichen Kontakts mit einer unbekannten Substanz behandelt".

Laut BBC und anderen britischen Medien handelt es sich bei dem Mann um den früheren russischen Geheimdienstoffizier Sergej Skripal. Der 66-Jährige war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs der Spionage für Großbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Er soll dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 die Namen von russischen Agenten in Europa genannt und dafür 100.000 Dollar (81.000 Euro) erhalten haben.

Im Zuge eines spektakulären Gefangenenaustauschs zwischen Russland und den USA am Flughafen von Wien 2010 kam er nach Großbritannien. Bei dem Gefangenenaustausch waren insgesamt 14 aufgeflogene Spione ausgetauscht worden, unter ihnen die bekannt gewordene Russin Anna Chapman.

Bewusstlos auf Bank gelegen

Die Polizei der Grafschaft Wiltshire teilte am Montag mit, ein Mann - den Medienberichten zufolge handelt es sich um Skripal - und eine zwischen 30 und 40 Jahre alte Frau seien am Sonntag bewusstlos auf einer Bank vor einem Einkaufszentrum in Salisbury gefunden worden. Sie wurden in die Intensivstation einer Klinik der rund 140 Kilometer südwestlich von London gelegenen Stadt gebracht und schwebten in Lebensgefahr. Die beiden hätten "keine sichtbaren Verletzungen".

Die Polizei sprach von einem "schwerwiegenden Vorfall". "Zusammen mit unseren Partnerbehörden führen wir umfassende Untersuchungen durch, um zu bestimmen, warum diese beiden Personen das Bewusstsein verloren haben und um zu klären, ob ein krimineller Akt vorgefallen ist oder nicht."

Die Polizei veröffentlichte einen Zeugenaufruf. Teile der Innenstadt wurden abgesperrt und abgesucht, ein Restaurant wurde der Polizei zufolge als "Vorsichtsmaßnahme" vorübergehend geschlossen. TV-Aufnahmen zeigten zudem Polizeiautos vor Skripals mutmaßlichem Haus.

Kein Risiko für Öffentlichkeit

Eine Sprecherin der Gesundheitsbehörden erklärte zwar, es gebe vermutlich kein Risiko für die Öffentlichkeit; die Polizei rief Bewohner der Stadt aber auf, sich bei den Rettungsdiensten zu melden, sollte sich ihr Gesundheitszustand bedeutsam verschlechtern.

Der Fall weckte umgehend Erinnerungen an den Giftmord an dem russischen Ex-Spion Alexander Litwinenko. Der Kreml-Kritiker war 2006 in London an einer Vergiftung mit der radioaktiven Substanz Polonium 210 gestorben.

Eine britische Untersuchung kam 2016 zu dem Schluss, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Ermordung "wahrscheinlich gebilligt" habe. Als Hauptverdächtige gelten zwei Russen, mit denen Litwinenko in einem Londoner Hotel Tee getrunken hatte.

Kreml reagiert sarkastisch

Litwinenkos Witwe Marina sagte nun der britischen Tageszeitung "Daily Telegraph", der Fall Skripal habe Ähnlichkeiten mit der Ermordung ihres Mannes. "Aber wir brauchen mehr Informationen."

Der Kreml reagierte mit Sarkasmus auf Vermutungen, wonach Russland hinter der Tat steckt. "Das hat ja nicht lange auf sich warten lassen", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag in Moskau. Er sprach von einer "tragischen Situation" und bot den britischen Behörden Unterstützung an. "Aber wir haben keine Informationen darüber, was die Ursache sein könnte." Moskau sei bereit, mit den britischen Behörden zusammenzuarbeiten. Bisher sei aber kein Hilfsersuchen aus Großbritannien eingetroffen.