Gliwice. (n-ost) Wie viel Irland, wie viel Deutschland, wie viel USA steckt in Polen? Diese Frage stellen sich viele Beobachter an der Weichsel, inmitten des weltweiten Missbrauchsskandals, der die katholische Kirche derzeit bis ins Mark erschüttert. Neben Irland zählt Polen in Europa zu jenen Ländern, die am stärksten vom Katholizismus samt dem dazugehörigen Personal geprägt sind. Der Anteil der Menschen, die sich zum katholischen Glauben bekennen, liegt bei rund 90 Prozent der Bevölkerung.

Knapp die Hälfte von ihnen praktiziert den Glauben aktiv, obgleich die Zahl tendenziell sinkt. Die ersten Missbrauchsfälle, verübt von katholischen Geistlichen, sind Anfang des Jahrtausends an die polnische Öffentlichkeit gelangt. Seither ist einiges passiert, etliche pädophile Geistliche wurden enttarnt - doch von einer entschieden betriebenen Aufklärung, etwa einer kirchenunabhängigen Untersuchung, wie dies in Irland oder Deutschland geschehen ist, fehlt jede Spur.

Die Stiftung "Ängstigt Euch nicht", die von Geistlichen missbrauchte Opfer vertritt, hat bis heute rund 60 Fälle dokumentiert, in denen Priester verurteilt wurden. Doch dies scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Opferanwälte der Stiftung berichten, dass die Staatsanwaltschaften die verantwortlichen Diözesen selten zur Herausgabe von Priesterakten oder Protokollen kanonischer - also kircheninterner - Verfahren auffordern. Und wenn sie dies tun, lehnt die Kirche ab - und die Behörden nehmen dies hin, obwohl sie für diese Verweigerungshaltung Strafen auferlegen könnten. Vordergründig tut der Episkopat (die polnische Bischofskonferenz) selbst etwas. Spezielle Delegierte für Kinder und Jugendliche sammeln seit 2014 in den 44 Diözesen und den gut 30 Ordenskongregationen des Landes Angaben von Missbrauchsopfern, die sich gemeldet haben.

Doch was genau sie seither erfahren haben und welches Ausmaß die Missbräuche haben, ist nicht bekannt: Die Ergebnisse werden nicht gebündelt und auch nicht veröffentlicht. "Es gab einen Moment im Jahr 2014, als unter den Bischöfen Eintracht darüber herrschte, (. . .) das Ausmaß des Problems kennenzulernen, aber es fehlte die Einigkeit, diese Aufgabe auszuführen", sagte der Jesuit Adam Zak, seit 2013 Koordinator des Episkopats für den Schutz von Kindern und Jugendlichen, diese Woche zur katholischen Wochenzeitschrift "Tygodnik Powszechny". Zak selbst beteuerte, er habe versucht, die Bischöfe davon zu überzeugen, die Angaben zentral zu sammeln - vergeblich. Zwar habe sich der Episkopat verpflichtet, alle Fälle an den Vatikan zu melden. Doch wie viele es seien, darüber gebe es ebenso wenig Angaben wie zur Zahl der in den einzelnen Diözesen wegen Missbrauchs festgenommenen Priester.