Gabriela Scheiner packte bereits 1983 die Begeisterung für Griechenland. Trotz Dauerkrise glaubt sie weiter an das Land. - © Batzoglou
Gabriela Scheiner packte bereits 1983 die Begeisterung für Griechenland. Trotz Dauerkrise glaubt sie weiter an das Land. - © Batzoglou

Thessaloniki. Gabriela Scheiner gibt Gas. Mit 150 Kilometern pro Stunde rast der rote Alfa Romeo auf der gähnend leeren Egnatia-Autobahn durch das sonnenüberflutete Westmakedonien. Dem flotten Tempo zum Trotz: Mit der linken Hand hält die Fahrerin fest das Lenkrad, mit der anderen eines ihrer Handys. Kein Zweifel: Die Frau hat buchstäblich alle Hände voll zu tun. Schon wieder klingelt das Mobiltelefon. "Ja, schick den Fragebogen per E-Mail. Tu das bitte so schnell wie möglich! Ich habe mit dem Bürgermeister schon gesprochen. Er wartet ungeduldig darauf."

Ungeduldig ist sie auch. Eine knappe Dreiviertelstunde vergeht noch, bis Gabriela Scheiner ihr Ziel erreicht. Sie parkt den schnellen Italiener vor einem modernen Gebäude in der nordgriechischen Stadt Kozani, gut 125 Kilometer westlich von Thessaloniki. "Das ist die Regionalverwaltung. Ich habe nur einen einfachen Behördengang zu erledigen. Dauert nicht lange. Ich muss aber persönlich erscheinen, um ein paar Papiere zu unterschreiben." Ginge das nicht per Mausklick? Muss dafür wirklich ein halber Tag verschwendet werden? Scheiner lächelt. Was sie nicht offen sagen will, kann man leicht erahnen: "Ach, Sie wissen doch: Wir sind hier in Griechenland!"

Gabriela Scheiner, 49, grüne Augen, rot gefärbtes Haar, wurde in Wien geboren. Sie wuchs im 17. Bezirk auf. Zuerst besuchte sie die Klosterschule im 14. Bezirk, anschließend das Sportrealgymnasium im 17. Bezirk. "Ich habe immer gerne geturnt und getanzt", erzählt sie. Doch damit nicht genug: "Ich bin mit Musik, mit Opern groß geworden." Ihr Großvater, "ein fanatischer Opernliebhaber", habe als Autodidakt gleich ein halbes Dutzend Instrumente gespielt. Ob mit Gitarre, Mandoline oder Mundharmonika: Ein sehr geselliger Mensch sei er gewesen. Ihre Mutter Ingrid Wolf, von Beruf Friseurin, sei zudem als passionierte Sopranistin im Klassiker unter den Operettenheurigen, in Grinzing, aufgetreten - stattliche 25 Jahre lang, wie sich Scheiner erinnert.

Nach der Matura habe sie zunächst in ihrer Geburtsstadt Wien "hin- und herstudiert". Die Fächer: Psychologie, Philosophie und Publizistik. "Ich habe absolut nicht gewusst, was ich machen will", gesteht sie mit entwaffnender Ehrlichkeit. Doch dann eröffnete die Musical-Schule am Theater an der Wien. Sie habe die Aufnahmeprüfung abgelegt, schließlich habe sie "nichts zu verlieren gehabt" - und wurde prompt genommen. Gabriela Scheiner lernte Schauspiel, Tanz und Gesang. "Eine wirklich große Erfahrung", wie sie heute offenbart.

Einziger Haken: Die berühmte Musical-Schule habe damals immerhin 3000 Schilling im Monat gekostet. So habe sie nebenher arbeiten müssen, um das geliebte Studium finanzieren zu können. Sie tat das als Fotomodell und Mitglied in einer professionellen Tanzgruppe. Doch auch damit war schon bald Schluss. Weshalb? "Probleme mit den Knien."

Erneut sei Gabriela Scheiner am Scheideweg gestanden. "Ich fragte mich: Was will ich mit meinem Leben anfangen? Und: Weshalb nicht ins Ausland gehen? Nur wohin?" Eigentlich sei sie eine "totale Italien-Liebhaberin" gewesen. Doch es kam alles anders: Sie fasste den Entschluss: "Ich gehe nach Griechenland!"

Hellas hatte sie 1983 zum ersten Mal kennengelernt, im Sommerurlaub auf Lesbos. Der erste Eindruck hat sich tief in ihr Gedächtnis eingegraben. "Ich saß mit kurzen Hosen und Leiberl im Kaffeehaus am Zentralplatz im kleinen Dorf Petra. Dort saßen nur Männer. Sie hatten Gebetsketterl, spielten Backgammon und tranken griechischen Mokka. Die Frauen im Dorf trugen schwarze Kopftücher. Ich sah: Das war eine völlig andere Welt."

Umzug von Wien nach Athen, um dort Models zu scouten


Es sollten aber noch fünf Jahre verstreichen, bis sie von Wien nach Athen zog, in die immerzu pulsierende Hauptstadt Griechenlands. "Athen ist zwar eine Millionenstadt. Dennoch: Damals spürte ich diese unwiderstehliche mediterrane Leichtigkeit. Es waren so viele Menschen auf der Straße, alle lachten. Einfach faszinierend."

Die erste Berufsstation in der Wahlheimat Hellas: Scouterin für eine Athener Agentur für Fotomodelle. Es mag wohl verwunderlich klingen: Griechenland habe damals international in diesem Bereich einen durchaus guten Ruf gehabt, sagt Gabriela Scheiner. "Geld für Foto-Shootings gab es zwar keines, dafür aber gute Fotografen und relativ hochwertige Zeitschriften." So war es für die Neu-Griechin Scheiner kein sonderlich schwieriges Unterfangen, ehrgeizige Mädchen aus den USA, den Niederlanden und anderswo zu scouten, die sich in Athen fotografieren ließen, um so ihre Bewerbungsmappe zu füllen.

Doch es dauerte nicht lange, bis Gabriela Scheiner (wieder) eine "berufliche Abwechslung" suchte - und diese auch rasch fand. Ihre originelle Idee: klassische Musiker aus dem Ausland für Auftritte nach Griechenland lotsen. "Ich dachte mir: Ich bin doch mit klassischer Musik aufgewachsen! Und hier in Griechenland gibt es so gut wie keine klassische Musik. Außerdem bin ich aus Wien. Das kann man doch hier in Griechenland sicher verkaufen!"