Der Sexappeal der Lederhose

Und es geschah Ungewöhnliches: Die Nachfrage nach der handgemachten, teuren Lederhose stieg trotz der Konkurrenz aus dem Internet. Die sichtlich alte Hose mit Spuren der Vergangenheit, mit Flecken, mit Verfärbungen hat Sexappeal, den die Onlinehose nie bekommen kann. Nur die edle, vom Säckler gefertigte Hose kann Patina ansetzen. Die Industrieware ist zu glatt, zu gefällig-modisch. Und nur die vom Säckler gefertigte Hose hat den perfekten Sitz. Weil der Säckler die nötige Erfahrung beim Maßnehmen einbringt: "An der Hüfte und am Hinterteil soll sie eng sitzen, weil sich das Leder dehnt. Am Bund exakt. Für genügend Spielweite in der Taille sorgt der Schlitzfleck, eingelegte Falten im hinteren Bund, die mit Schnüren zusammengezogen oder gelockert werden", erklärt Alexander Profous. Maßnehmen ist heikel und braucht eine lange Erfahrung. "Die Reithosen der Männer (und Frauen!) der Wiener Hofreitschule schneide ich nach dem Rezept Körpermaß minus ein Zentimeter zu. Die müssen ja ganz knapp sitzen." Wenn die Hose nach einiger Zeit zu weit oder zu eng geworden ist, dann näht sie Alexander Profous nach. Keine einfache Angelegenheit, denn an den speziellen Nahttechniken erkennt man den Fachmann. Eine Säcklernaht ist innen plan, die ungefärbten Lederkanten werden nach außen sichtbar zusammengenäht. An der Innenseite wird gern die Kedernaht angewendet, eine Art Kordel aus ungefärbtem Leder. Schließlich muss das Innenleben genauso sorgsam ausgefertigt sein wie das Außen. Außen hui und innen hui ist die Devise.
Was tun, wenn das Leder ein Schussloch hat? Wegwerfen? – Nein, der Säckler weiß sich zu helfen: "Ich randariere – das heißt, ich mache das Loch unsichtbar." Was für ein interessantes Wort, das nicht einmal noch dem Internet-Schreiber untergekommen ist! Löcher stopfen und sie unsichtbar machen – eine Kunst, die so manch Unternehmer oder Politiker vom Säckler lernen könnte! An den Nähten, der Stickerei, besonders am Hosenlatz und am Trägersteg der Hosenträger, an den echten Hornknöpfen und den sorgfältig handgenähten Knopflöchern sollt ihr sie erkennen, die wahre Lederhose!
Eine Lederhose verrät über seinen Besitzer viel, auch intime Details. Besonders verräterisch können Flecken sein, die vom Blut der erlegten Tiere oder von diversen Körpersäften des Trägers stammen. Gottfried von Einem trug gegen Rheuma und die Kälte des Waldviertels immer Lederhosen, auch als Unterwäsche. "Von Zeit zu Zeit kam er zu meinem Vater und meinte: Herr Meister, das Lederhöslein hat wieder ein Löchlein!", erzählt Alexander Profous schmunzelnd. Der große Komponist kam nicht auf die Idee, sich neue Unter- und Oberhosen zu kaufen. Wozu hatte man alles aus Leder!?
Je älter die Hose, egal, ob kurz, kniebedeckend oder ganz lang, sie begleitet ihren Träger tatsächlich das ganze Leben. Vielleicht ist die Langlebigkeit mit ein Grund, warum Frauen weniger gerne in Lederhosen auftreten. Wenn Tracht, dann Dirndl. Andernfalls könnten sie bei Festlichkeiten schief angesehen werden. Oder sie sind auf einen Säckler gestoßen, an dessen Haustor die Warnung stand: "Weibsbilder unerwünscht" (wozu Profous nicht zählt). Oder sie haben einfach nicht die Geduld, auf das gute Stück vier Monate zu warten. Dabei zählt Alexander Profous noch zu den Prompten. Es soll welche geben, die Jahre, sogar ein Jahrzehnt für so ein Stück brauchen.
Gut Ding braucht eben Weile!