Mustermut

Karo ging und geht immer. Einmal größer, einmal kleiner. "Dieses Jahr wird es sehr klein, etwa fingernagelgroß", prophezeit Wolfgang Witzky. Ein richtiger Freak von neuen Mustern ist Constanze Kurz. Sie ist die Umstürzlerin in der Traditionsfirma "Hanna-Trachten" mit Geschäften in Salzburg und der Werkstatt in Wien. "Hier in Wien entwerfe ich, nähe Dirndln nach Maß. Das ist mein Reich", sagt sie stolz. Im Gegensatz zu Wolfgang Witzky mag sie Karos in allen Größen, besonders in der Farbkombination Dunkelrot und Dunkelblau. Ihr Favorit in der heurigen Farbpalette ist Marineblau, das sie gerne mit Olivgrün oder Koralle kombiniert. Für die kommende Sommersaison hat sie ganz ungewöhnliche, gar nicht dirndltypische Muster entworfen: Für die Standlfrauen des Kutschkermarktes in Wien Währing streut sie Kaffeetassen, Radieschen und allerlei Blumen über den marineblauen Stoff. In diesem Sommer soll das Kutschkermarktdirndl bei einem Marktfest so richtig zur Geltung kommen. Für den Urlaub am See oder Meer überrascht Constanze Kurz mit witzigen Motiven: Da tanzen kleine, zierliche Tintenfische, Forellen, Muscheln und andere Wasserlebewesen über den Rock oder die Schürze. Wer es gerne blumig hat, dem gefällt vielleicht das neue Blumenwiesenmuster, bei dem sie sich von Van Gogh inspirieren ließ. "Damit das Dirndl nicht provinziell wirkt, schmücke ich das Mieder mit Balkenrüschen statt mit Herzen oder Froschgoscherln. Sie sehen aus wie eine Ziehharmonika im geschlossenen Zustand. Zusammen mit den neuen Mustern schaffe ich gleichsam einen Dirndl-Relaunch."
Kein absolut neuer Trend, aber doch verstärkt im Kommen, ist das Dirndlkleid. Man findet es in jeder Trachtenkollektion, egal ob bei Tostmann, Kurz oder Sportalm. Meist werden Rock und Mieder aus einheitlichem Stoff geschnitten. Ohne Schürze wirkt es wie ein Kleid. "Immer beliebter wird bei uns der Rock mit Dirndlmuster. An die 50er Jahre erinnern die drei Zentimeter breiten Falten, flach verarbeitet" führt Anna Tostmann als Trend für 2019 an.
Die Revoluzzerinnen

Kaum hat sich das konventionelle Dirndl seinen Platz im Kleiderschrank zurückerobert, schon wird dagegen revoltiert. Und das im eigenen Haus! Legendär ist die Zusammenarbeit zwischen Vivian Westwood, ihrem Mann Andreas Kronthaler und Tostmann, die 2017 begann. Westwoods Begeisterung für das Dirndl mag überraschen, ist die Designerin doch als Punk-Designerin bekannt. Sie entwarf gemeinsam mit ihrem Mann extravagante, aber durchaus tragbare Modelle, die im Hause Tostmann dann genäht wurden. Die Modelle für 2019 waren bei Redaktionsschluss noch top secret. Aber auf Überraschungen darf man sich gefasst machen.
Silvia Schneider, bekannt als Fernsehmoderatorin, entwirft für die Firma Sportalm ziemlich aufmüpfige, interessante Dirndln. "Meine Dirndl haben eine Multitaskingfunktion. Ich mache mit wenigen Handgriffen aus einem Dirndl ein enganliegendes Cocktailkleid. So kann ich damit traditionell und modern, aber immer glamourös sein." Glamourös sind alle ihre Entwürfe, auch wenn sie auf den ersten Blick traditionell erscheinen, wie etwa das Modell in sanftem Mint-
grün. "Ich wiederhole gerne Schnitte aus den 40ern und 50ern und verleihe ihnen einen neuen Twist. Ich mag Dirndl, die auch als Cocktailkleider funktionieren, weil ich selbst sehr viel unterwegs bin. Der Spagat zwischen Dirndl und Party ist für mich perfekt", meint sie auf die Frage, wie ihre Dirndlentwürfe 2019 aussehen.
Ihre Trendfarbe für 2019 hält sie ebenfalls noch geheim. Ein Verkaufshit wird auch 2019 das wunderbare Modell in Koralle mit einer abnehmbaren Schürze in Lila sein. Die Schürze ist eigentlich ein halber Rock, der vorne offen ist und dann im Bund mit einer schönen Gürtelschnalle geschlossen wird.
Eine Revoluzzerin der ersten Stunde ist Gabriela Urabl mit ihrem speziellen Label "Dirndlherz" in Wien und Kärnten. Der Schnitt ist ganz traditionell. Die Schürze brav mit Band und Schleife, das Mieder und die Bluse gewähren einen sexy Blick auf das Decolletée. Aber der Rock! Eine Welt der Sonderbarkeiten tummelt sich da: Katzen, Hunde, Ananas, Äpfel, Mango, Schminkutensilien, Möbel aus einer Puppenstube, alles im Stil der amerikanischen Graffiti, Pop Art oder Comic. Darunter blitzt ein hellblauer Spitzenpetticoat keck hervor. Fertig ist das Dirndlsupergirl! Befragt nach dem Trend für 2019 meint Gabriela Urabl: "Ich bemerke eine Rückkehr zu einer Art Pseudotradition – die Stoffe werden dunkler, das Mieder hochgeschlossen. Mit meinem Mustermixdirndl bin ich ziemlich allein auf der weiten Flur der Dirndlwelt." Mit einem Urabldirndl wird man sicher auf jedem Oktoberfest Furore machen, in der Kirche vielleicht kritische Blicke ernten.
Als gesellschaftliches Statement hat das Dirndl immer schon funktioniert. Die Trägerin bekennt sich zur Tradition, neuerdings auch mit einem rebellischen Augenzwinkern. Entgegen der Entwicklung in der Fast-Fashion wird ein Dirndl nie unmodern. Trends und Neuerungen sind minimal, wie die Umfragen
bewiesen.