Wie vielen Düften – von animalisch bis blumig – wir tagtäglich wirklich ausgesetzt sind, ist schwer einzuschätzen. Zimt oder Rose können von unseren fünf Millionen Neuronen ad hoc identifiziert werden: Es lebe das olfaktorische Gedächtnis. Sensibilität, ein gewisser Sinn für Marketing und Ästhetik und eine ausgeprägte Fantasie sind ebenfalls wichtige Charakterzüge, die eine Nase besitzen sollte. Annick Goutal hatte den sogenannten Riecher für Außergewöhnliches. Dabei waren in der Familie Goutal eigentlich ganz andere Pläne für sie vorgesehen...
Ihr Vater, ein renommierter Pariser Süßwarenhersteller, hatte für seine Tochter eine Karriere als Pianistin geplant. Obwohl sie talentiert war und sogar einen wichtigen Preis erhielt, rebellierte sie gegen diese klassische Laufbahn und setzte sich nach London ab. Sie startete in der Modebranche als Mannequin durch, erkannte aber schon nach kurzer Zeit, dass dies nicht ihre wahre Bestimmung war. Erst einige Jahre später, bei einem Besuch in Grasse, kam der Wunsch auf, einen Duft zu kreieren. Deswegen ging sie 1976 als Lehrling bei Henri Sorsana zur Schule und das Haus Robertet erklärte sich bereit, ihr bei ihrer ersten Duftkreation zur Seite zu stehen.

1980 eröffnete Annick Goutal bereits ihr eigenes Geschäft in einem alten Buchladen in der Rue de Bellechasse im Pariser Stadtteil Saint-Germain, wo sie eine immer größer werdende Kundschaft mit ihren feinen, originell verpackten Kreationen bediente. Im Laden war gerade nur Platz für sechs Produkte: zwei Cremen, zwei Lotionen und ihre beiden ersten Duftkreationen, die sie innerhalb weniger Monate entwarf. Von 1985 an arbeitete Annick Goutal mit der für ihren Champagner bekannten Taittinger-Gruppe zusammen. Diese verhalf ihr zu einem internationalen Vertrieb ihrer Parfüms, vor allem in den Vereinigten Staaten, wo lange Jahre der Hauptumsatz erzielt wurde. Madonna oder auch Lauren Bacall zählten zur illustren Kundschaft. 1999 verstarb Annick Goutal mit nur 53 Jahren. Ihre Tätigkeit wird bis heute von ihrer Tochter Camille Goutal und der Parfümeurin Isabelle Doyen fortgeführt, die seit den Anfängen in den 1980er Jahren erfolgreich für das Unternehmen arbeitet. "Meine Mutter war die erste, die Düfte für Mutter und Kind entwickelt hat. Petit Chéri ist mittlerweile ein Klassiker. Wir verwenden heute immer noch ihre Parfümorgel", so Camille Goutal. "Und ihre Technik natürlich. Das Besondere an unseren Düften ist die Möglichkeit des Layerns, der Kombination verschiedener Düfte durch einfaches Aufeinandersprühen."

Dass gerade in diesem Metier oft Familiendynastien entstehen, ist kein Zufall – die Sensibilität und das Know how werden oft von klein auf übertragen: "Kinder haben generell einen besseren Geruchssinn als Erwachsene", da sind sich Camille Goutal und Isabelle Doyen einig. "Meine Mutter saß schon als Kind gerne im elterlichen Bonbongeschäft, mitten drin im Schokoladenduft, und durfte gemeinsam mit ihren Schwestern beim Füllen und Einpacken der Schokopralinen mithelfen." Dass Camilles Tochter Maia, die gerade erst ihren 16. Geburtstag gefeiert hat, heute Interesse an diesem so komplexen Beruf zeigt, versteht sich dann fast schon von selbst.