Kinder bewegen sich von Natur aus gerne. Sobald sie gehen können, rennen sie, sie hüpfen, klettern, balancieren … Und dann hören sie damit auf – in der Schule, beim Lernen, im Beruf. Obwohl wir mittlerweile aufgrund unzähliger Studien wissen, dass sogar Lernen in Bewegung besser funktioniert, sitzen wir fast den ganzen Tag. Ein ganzes Leben lang. Und das hat gesundheitliche Folgen, die uns spätestens im fortgeschrittenen Alter zu schaffen machen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt für Kinder und Jugendliche mindestens eine Stunde Bewegung täglich, und zwar so, dass sie wirklich ins Schwitzen kommen. Erwachsene sollten mindestens zweieinhalb Stunden in der Woche in Bewegung sein. Doch die Realität in Österreich und den hochindustrialisierten Ländern dieser Welt sieht anders aus: Jede dritte Frau und jeder vierte Mann weltweit bewegen sich zu wenig. In Österreich macht lediglich ein Fünftel der Elf- bis Fünfzehnjährigen ausreichend Bewegung, weniger als 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen betreiben hierzulande überhaupt Sport, und bereits 40 Prozent der Kinder im Alter von sieben Jahren leiden an Symptomen der Fettleibigkeit.
Von Hans und Hänschen

Ausreichend Bewegung ist eine Grundvoraussetzung für ein langes und gesundes Leben. Das wissen zwar die meisten Menschen theoretisch durchaus, der Weg dorthin scheint aber für viele allzu mühsam. Umso wichtiger ist es, die Basis für ein aktiveres Leben bereits in frühester Kindheit zu legen, wenn die Bewegungsfreude von Natur aus noch am größten ist. Es gilt, den natürlichen Bewegungsdrang der Kinder zu fördern und über die Schulzeit, die stressige Berufszeit und bis in die späteren Jahre hin zu erhalten.

"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" ist ein Motto, das in diesem Zusammenhang gerne bemüht wird. Astrid Reif, Universitätsassistentin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien, hat an einer Studie zum Breitensport in Österreich mitgearbeitet und so Einblick in die gängigsten Gründe für und gegen ein sportliches Leben. Sie meint: "Grundsätzlich gilt, dass man in Kindheit und Jugend zwei Phasen durchläuft, in denen man sich leichter tut, Bewegungsabläufe zu erlernen. Diese ‚sensiblen Phasen‘ treten bei jedem Individuum zu leicht unterschiedlichen Zeitpunkten auf, da die Entwicklung bei jedem unterschiedlich schnell vorangeht."

Von Erfahrungen und Hemmschwellen

Dennoch können auch Erwachsene noch neue Sportarten erlernen, die Freude an regelmäßiger Bewegung (wieder-)entdecken, betont sie: "Auch später können wir noch neue Bewegungsabläufe erlernen, allerdings profitieren wir davon, wenn wir im Kindesalter möglichst viele unterschiedliche Sportarten ausprobiert und erlernt haben. Der Körper hat somit im Alter eine breite Auswahl an Anknüpfungspunkten, an die er sich zurückerinnert und auf die er beim Erlernen neuer Bewegungsabläufe aufbauen kann."

Zwar läge die Hemmschwelle, Neues auszuprobieren, im Erwachsenenalter etwas höher, so Reif, bei einem gesunden Körper spräche jedoch nichts dagegen, auch in reiferen Jahren noch neue Sportarten zu versuchen.

Konstantin Oberlik, Sportwissenschafter mit staatlicher Trainerausbildung und viel Erfahrung als Parkour-Trainer an der Ape Academy, kann dies aus der Praxis bestätigen: "Beim Parkour oder Freerunning geht es weniger um vorgegebene Bewegungsabläufe als um ein individuelles Ausprobieren, wie man Hindernisse überwinden kann. Da hilft es, eine breite Basis an Bewegungserfahrungen aus dem Kindesalter mitzubringen – Laufen, Springen, Klettern, auf diese Erfahrungen kann man ein ganzes Leben lang zurückgreifen."

Oberlik trainiert mit Kindern ebenso wie mit Erwachsenen und weiß um die unterschiedlichen Herangehensweisen je nach Alter: "Bei den Kleinen muss man das eher spielerisch machen, bei den Jugendlichen und Erwachsenen womöglich die spielerische Freude an der Bewegung erst wieder wecken, die sie einst als Kinder hatten. Immer aber geht es darum, Hindernisse zu überwinden, eine unbekannte Situation einzuschätzen, auszuprobieren, zu scheitern, wieder und wieder auszuprobieren, um dann Erfolg zu haben."

Während Jugendliche und Erwachsene oft einen sehr "akademischen Zugang" zu Bewegungsabläufen hätten, sie analysieren und zerteilen wollen, würden Kinder instinktiv und mit Spaß an den einstigen Trendsport Parkour, der mittlerweile schon recht verbreitet ist, herangehen, hat er beobachtet.

Spaßfaktor

Spaß, also die intrinsische, von innen heraus empfundene Freude an der Bewegung, ist der wichtigste Antrieb, um sportlich zu sein und zu bleiben, hat die Studie der Uni Wien zum Breitensport in Österreich herausgefunden. Zwar spielen auch andere Faktoren wie Gesundheitsbewusstsein, Wettbewerb und Geselligkeit eine Rolle, wer jedoch keine Freude an der Bewegung selbst hat, hört bald wieder damit auf.

Gerade beim Spaßfaktor in Sachen Sport wird es aber heikel. So mag für die einen der Schulsport durchaus ein Motivationsgrund für ein sportliches Leben gewesen sein, für die anderen war er womöglich genau das Gegenteil. Tatsache ist, dass die Österreicher – eigentlich Sportmuffel, vergleicht man internationale statistische Daten – zumindest in Kindheit und Jugend noch recht regelmäßig Sport betreiben. Je älter sie werden, je größer der Leistungsdruck im Alltag, desto eher hören sie damit auf, hat die Breitensportstudie herausgefunden.
Spaß am Sport, dafür gibt es keine Garantie, doch je früher Kinder unterschiedliche Sportarten ausprobieren und dabei das Richtige finden, desto eher bleiben sie auch außerhalb der Schule und für den Rest ihres Lebens in Bewegung. Wie motiviert man sie aber am besten, anzufangen und weiterzumachen?

Ausprobieren und durchhalten

Astrid Reif fasst die akademischen Erkenntnisse dazu so zusammen: "Wichtig ist vor allem, dass Kinder vielseitig Sport betreiben. Werden im Schulsport viele verschiedene Sportarten ausprobiert, ist das eine hervorragende Voraussetzung. So können die Kinder in einem bekannten Umfeld etwas Neues ausprobieren. Viele Sportvereine sind außerdem für Schnuppertrainings offen. Findet das Kind Gefallen an einer Sportart, braucht es zwar zunächst etwas Mut, es hilft aber vielleicht, einen Freund oder eine Freundin mitzunehmen."

Und dann kommt es naturgemäß auch zu Frustrationserlebnissen: Diese sind zwar im Sport gang und gäbe, in unserer leistungsbetonten Gesellschaft mittlerweile jedoch problematisch geworden. Wie sorgt man nun dafür, dass die Kinder den Spaß an der Bewegung nicht verlieren und durchhalten?

"Probieren – scheitern – lernen – immer wieder. Hundertmal probieren, bis es funktioniert, bis man das Hindernis überwindet, das gehört beim Parkour zum Training dazu. Daher betonen wir in der Ape Academy auch, dass der Spaß an der Bewegung im Vordergrund steht. Die Erfolgserlebnisse sind individuell, denn jeder sucht sich ja seinen eigenen Weg. Natürlich entwickelt man so auch eine höhere Frustrationstoleranz", weiß Konstantin Oberlik.

Um ohne übermäßigen Zwang die Freude an der Bewegung zu erhalten, empfiehlt Astrid Reif: "Wenn ein Kind Spaß an einer Sportart findet, ist es ratsam, eine Regelmäßigkeit von ein- bis zweimal pro Woche einzuführen. Diese Routine hilft auch über Phasen hinweg, in denen die Motivation etwas absinkt."

Sportverein oder Fitnesscenter

Selbst wenn Kinder die sportliche Routine akzeptiert haben, droht laut Astrid Reif mit dem Sprung ins Erwachsenenalter die nächste Hürde: "Es zeigt sich, dass mit Ende der Schulpflicht in Österreich der Anteil der Sportvereinsmitgliedschaften sinkt."

Aber wie motivieren sich Erwachsene am besten, dranzubleiben und durchzuhalten? "Etwa ein Viertel der Österreicher ist Mitglied in einem Sportverein. Diese Vereinszugehörigkeit hat nicht nur auf Grund der körperlichen Bewegung, sondern auch wegen der sozialen Kontakte positive Auswirkungen auf die Gesundheit, zeigt eine Studie der Bundessportorganisation (BSO)", weiß die Universitätsassistentin. Die bereits zitierte Breitensportstudie zeigt jedoch, dass Vereinsmitgliedschaften in den letzten Jahren zurückgegangen sind und nennt als Gründe den immer hektischeren Alltag und die damit verbundene Unvereinbarkeit von Trainingszeiten und Berufsansprüchen.
"Sport in Fitnessstudios lässt sich leichter in den Alltag einbinden, denn da ist man nicht an bestimmte Trainingszeiten gebunden. Die geringere soziale Komponente führt allerdings auch zu schnellerer Fluktuation. Eine Gemeinschaft wie ein Sportverein gibt den Menschen hingegen mehr Beständigkeit und Zusammenhalt", so Reif.

Böse neue Medien?

Gerne werden PC, Handy, Internet, Spielkonsolen und Co. als Gründe dafür angeführt, warum sich die Menschen bereits in jungen Jahren mittlerweile immer weniger bewegen. Dieses Pauschalurteil können beide Sportexperten jedoch nicht akzeptieren.
Astrid Reif: "Natürlich spielen die Medien eine große Rolle. Computerspiele, YouTube-Videos, Handy-Apps werden meist im Sitzen ausgeführt. Aber auch der Schulalltag und das Erledigen der Hausübungen führen zu einem großen Ausmaß an Sitz-Zeit."
Einfach hinzunehmen, dass diese Entwicklung zuungunsten der Bewegung passiert, ist ihr allerdings zu wenig. Immerhin habe bereits das allseits bekannte Pokémon-Spiel seinen Beitrag dazu geleistet, Kinder und Jugendliche wieder an die frische Luft zu schicken. "Wir sollten viel eher versuchen, Programme zu erstellen, die Kinder animieren, sich zu bewegen. Meiner Meinung nach sollte man den neuen Medien nicht die Schuld für eine sitzende Gesellschaft geben, sondern sie als Kanäle einsetzen, um Kinder und Jugendliche zu erreichen und sie zu mehr Bewegung animieren."

Eine gleichermaßen differenzierte Sichtweise auf das Wechselspiel zwischen digitalen Medien und Sport hat auch Konstantin Oberlik: "Parkour ist vor vier, fünf Jahren in Österreich als Trendsport aufgetaucht, kommt aber nicht aus der klassischen Vereins- oder Leistungssportecke. Vielmehr haben es die typischen Computer-Nerds für sich entdeckt, die im urbanen Raum Bewegung machen wollten. Ihre Videos haben sie ins Internet gestellt, wo sie dann von anderen Nerds bestaunt wurden. Die wollten das dann auch machen, haben über YouTube für Verbreitung gesorgt, und mittlerweile gibt es kaum noch einen Hollywood-Action-Film ohne Parkour-Szenen. Ohne Internet hätte sich Parkour von den Pariser Banlieues niemals so erfolgreich verbreitet."

Ausreden gibt es viele, sich nicht zu bewegen, Gründe es doch zu tun aber eben auch. Gesundheitsbewusstsein und Muskelaufbau, Gewichtskontrolle und Leistungsstreben sind darunter sicher die am häufigsten zitierten. Stressabbau, Suchtprävention und Geselligkeit punkten auf der psychischen Bonusseite. Tatsache bleibt aber, dass die von innen heraus empfundene Freude an der Bewegung der stärkste Motivator für ein aktives Leben ist. Diese Freude als Erwachsener neu oder wieder zu entdecken, ist aber eben ungleich mühsamer als sie ein Leben lang zu erhalten.