Der Duft und die Liebe

Rosen - effektvoll in Szene gesetzt, ganz wie es ihnen gebührt. - © Dina Belenko Photography / Getty Images
Rosen - effektvoll in Szene gesetzt, ganz wie es ihnen gebührt. - © Dina Belenko Photography / Getty Images

Die Rose, die sich da in der Frühlingssonne räkelt, ist also ein Geschöpf, dessen Geschichte weit zurückreicht. Und eine ihrer ganz besonders bemerkenswerten Eigenschaften war schon in den mesopotamischen Frühzeiten von großer Bedeutung: ihr Duft. Am Anfang der Zivilisation schien es also schon eine gewisse Leidenschaft für Wohlgeruch gegeben zu haben. Überliefert ist, dass auf dem Gebiet der Stadt Girsu (heute Tall Lawh im südlichen Irak) akkadische Tempel standen, die zur Reinigung mit Parfüm gesalbt worden waren. Zu jener Zeit wurde, wie ein Schreiber aus Uruk festgehalten hat, in den Palästen bereits für religiöse Rituale Rosenöl gewonnen, eine auch für spätere Zeiten unfassbar luxuriöse Kostbarkeit.
Von der religiösen Bedeutung der Rosen waren auch die Griechen und Römer überzeugt. Sie hatten die Gärtnerei von den Persern gelernt, die zu jener Zeit bereits ein hohes Niveau der Rosenzucht mit neuen Sorten und verschiedenen Farbtönen erreicht hatten: Rosa phoenicia, Rosa moschata und die legendäre Rosa damascena. Für Homer, den Urdichter der Griechen, war die Rose vermutlich ein fernes Luxusgeschöpf, manche Autoren vermuten sogar, dass er nie mit diesem Prachtgeschöpf aus der Pflanzenwelt in Berührung gekommen sein kann. Trotzdem aber erwähnt er sie in seinem Lobgedicht auf die fruchtbare Erdmuttergöttin Demeter, und die Morgenröte wird bei ihm, in seinem Epos Illias, mit dem wundervollen Beiwort "rosenfingrig" beschrieben: "Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte". Über Aphrodite, die Göttin der Liebe, sagt er, dass ihre Haut rosenfarben sei.
Für die Römer war ganz offensichtlich die Verbindung der Liebe und der Liebesgöttin mit der Rose ganz eindeutig. Überliefert sind ausschweifende Rosenfeste im Frühling zur Verehrung der Aphrodite, die im Lateinischen Venus hieß. Kaiser Nero, von dem berichtet wird, dass er rosensüchtig war, steigerte diesen Kult bis an den Rand des Wahnsinns. Für eine Party "sub rosa", also "unter Rosen", soll er vier Millionen Sesterzen ausgegeben haben, eine unvorstellbare Summe, für die man mehrere große Landgüter hätte kaufen können. Die Badeanlagen im Palast sollen bei diesem Anlass mit Rosenöl gefüllt gewesen sein, und von der Decke soll es aus kunstvollen Netzen Rosenblätter auf die Gäste geregnet haben. Der Wein und alle Speisen waren mit Rosenessenzen parfümiert, und durch spezielle Düsen blies man Rosenduft in die Hallen. Der Begriff "iacere in rosa", auf Rosen gebettet sein, stammt aus jener Zeit und bezeichnete ein Leben im vollkommenen Luxus.

Der Rosendämon
Kein Wunder, dass die christlichen Fundamentalisten zu den Rosen in einer sehr ambivalenten Beziehung standen. Auf der einen Seite wurden zwar der Madonna immer wieder Rosen zugeordnet, auf der anderen Seite galt die Rose aber auch als eine teuflische Hervorbringung. Bis in die Neuzeit hielt sich die Vorstellung des Rosiers, eines Dämons, der in Rosen wohnt und mit einem speziellen Exorzismus ausgetrieben werden muss. So verfasste der Inquisitor Sébastien Michaelis im Jahr 1613 einen Bericht über "Die Bekehrung einer reuigen Sünderin", die dem teuflischen Rosier zum Opfer gefallen, aber durch das Wirken des Geistlichen gerettet worden sein soll.
Allerdings waren die Rosen, von denen bis zu dieser Zeit die Rede gewesen war, im Verhältnis zu der, die da im Garten in die Sonne blinzelt, noch recht einfache Geschöpfe. Die Geschichte der modernen, noch um vieles raffinierteren Züchtungen beginnt mehr als hundert Jahre nach dem Wirken des wackeren Inquisitors. Wahrscheinlich wäre der gute Mann entsetzt gewesen, hätte er miterlebt, wie im Gefolge der französischen Revolution, der Geist der Rose ganz Frankreich zu beherrschen begann. Und zwar in Gestalt einer Frau.
Im Jahr 1804 ließ Napoléon seine Frau Joséphine de Beauharnais in der Kathedrale Notre Dame zur französischen Kaiserin krönen. Damals war sie schon längst das gewesen, was man heute eine "Influencerin" nennt. Die gehobenen Kreise des Kaiserreichs ahmten Joséphine bei jeder nur denkbaren Gelegenheit nach. Und diese Kaiserin war verrückt nach Rosen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, dass in ihren Gärten in Malmaison alle damals bekannten Rosenarten wachsen sollten. Sie beschäftigte Gärtner, Botaniker und Maler, die sich allesamt den Rosen zu widmen hatten. Als sie 1814 starb, war sie hochverschuldet und hinterließ in Malmaison den größten Rosengarten, den die Welt jemals gesehen hatte.
Die entscheidende Folgewirkung des Rosenwahns, dem sich die französische Oberschicht in jenen Jahren hingab, erlebte die Kaiserin nicht mehr selbst. In jener Zeit blühten die Rosenzucht und die Gärtnerei im großen Stil. Im Jahr 1867, das manche als das Jahr Null der Rosenzeitrechnung nennen, gelang schließlich dem Franzosen Jean Baptiste Guillot die Kreuzung einer europäischen mit einer Chinarose. Sie wurde sehr patriotisch "La France" genannt und war die erste moderne Rose, eine sogenannten Teehybride. Die Herkunft des Namens ist nicht ganz klar, wahrscheinlich hängt er damit zusammen, dass im alten China Rosen in Teegärten gezüchtet wurden. Während die chinesischen Rosen allerdings mit dem europäischen Winter schlecht zurechtkamen, waren die Hybriden robust genug, um sich auch im europäischen Klima zu behaupten.
Aber trotz all dieser Aufregungen ist die Rose, die da draußen, im Garten, steht, ein widerspenstiges Geschöpf geblieben. Das nämlich, was alle Rosenzüchter bisher als höchstes aller Ziele angesehen haben, bleibt auch für die Helden der modernen Gentechnik unerreichbar. Zwar hat man herausgefunden, warum der Stoffwechsel der Rose die Entstehung der Farbe Blau in den Blütenblättern verhindert, und in zwanzig Jahren Entwicklungsarbeit die mit Stiefmütterchen gekreuzte Sorte "Applause" gezüchtet, die angeblich blau sein soll. Vom Marketing unabhängige Beobachter finden allerdings, dass auch diese neueste aller Rosen doch eher blauviolett ist, ein Ergebnis, das man auch schon vor 200 Jahren erreicht hat, und zwar ganz ohne Gentechnik. Irgendwie scheint sie halt sehr stur zu sein, die Rose, die sich da im Garten sonnt.