Wer jetzt seinen nächsten Urlaub plant, aber schon fast alles Sehenswerte in traditionellen Urlaubsländern gesehen hat, der möge sich doch dem eher noch unbekannten Kanada widmen. Erreichbar ist die abenteuerliche Welt der Grizzlybären, Bisons, Lachse und Schwarzfußindianer übrigens seit Kurzem auch im Direktflug, von Wien aus nach Toronto oder Montreal, mit der heimischen Fluglinie AUA. Im zweitgrößten Land der Erde gibt es jede Menge Überraschungen zu entdecken. Ob im beliebten Campingbus, mit einer Reisegruppe oder ganz privat im Mietwagen oder der Bahn, für Überraschungen ist in jedem Fall gesorgt.
Kanada liegt auf dem nordamerikanischen Kontinent, ist im Süden von den USA begrenzt und reicht im Norden bis über den Polarkreis hinaus. In Kanada wohnen 36,7 Millionen Menschen auf 9.984.670 Quadratkilometern, also nicht einmal vier Einwohner pro Quadratkilometer. Ballungszentren sind neben Toronto die französischsprachigen Städte Montreal und Quebec sowie die Hauptstadt Ottawa und nicht zu vergessen, das mit Wien als lebenswerteste Stadt stets konkurrierende Vancouver an der Westküste. Kanada besitzt ausgedehnte und wunderschöne Wildnisregionen, wie etwa den für seine zahlreichen Seen bekannten Nationalpark Banff in den Rocky Mountains, aber auch die unendlich scheinenden Landschaften der Prärie. Als optimale Reisezeit bieten sich die Sommermonate Juni bis September an. Im Oktober sorgt der farbenprächtige Indian Summer für eindrucksvolle Erlebnisse. In den nördlichen Gebieten Kanadas verkürzt sich die beste Reisezeit auf die Monate Juli und August, außer man ist winterfest oder gar zum Skifahren unterwegs, etwa gemeinsam mit den Weltcup-Teams in Lake Louise oder beim Helicopter-Skiing in Whistler-Blackcomb.

Niagara-Fälle
Die Hauptsehenswürdigkeit Kanadas sind die Niagarafälle, die direkt an der Grenze zu den USA über eine Länge von 792 Metern stolze 52 Meter in die Tiefe donnern. Mit diesen Wassermengen könnte man pro Sekunde 16.700 Badewannen füllen. Auf der amerikanischen Seite liegen die kleineren "American Falls", auf der kanadischen die imposanteren "Horseshoe Falls". Den Tag verbringt man am besten in der Ortschaft Niagara Falls. Sie bietet den Besuchern eine prächtige Naturkulisse in Verbindung mit einer Liftfahrt und – in gelben Regenmäntel verpackt – einen Einblick bis hinter die Niagarafälle. Auf zwei Plattformen kann man den grandiosen Ausblick auf das Naturschauspiel genießen. Auch mit dem Schiff kommt man ganz nah, aber patschnass, an die Wasserkaskaden heran. Am Abend lockt die nächste Überraschung: Aus den Panoramafenstern der noblen Hotel-Restaurants kann man die bunt beleuchteten Wasserfälle auch nachts bewundern.

Wein aus Niagara
Noch eine Überraschung: In der Provinz Ontario wird auf der Niagara-Halbinsel auch Wein angebaut. Über 6000 Hektar Weingärten weisen die Statistiken aus. Die beiden großen Seen, der Erie- und der Ontario-See, mildern nämlich das Klima und lassen zu, dass hier exzellente Weine hergestellt werden können. Bei der Besichtigung des Weinbaubetriebes "Riverview Estate Winery" in der Nähe des Niagara Flusses kann man sich von der hohen Qualität persönlich überzeugen. Der Betrieb bewirtschaftet rund 10 ha Weingärten mit den Hauptsorten Vidal – eine kanadische Sorte – Riesling, Chardonnay sowie Merlot und Cabernet Franc. Rund ein Drittel wird als Eiswein produziert. Kanada ist der größte Eisweinproduzent der Welt.

Mennoniten und Hutterer
Aber Kanada hat noch mehr Überraschungen zu bieten. Etwa die großzügige Toleranz in Glaubensfragen. Fernab vom Tourismus und der Hektik der Großstädte leben nämlich auf dem Staatsgebiet Kanadas Mennoniten und Hutterer. Sie sind Glaubensgemeinschaften, welche Komfort und Luxus verurteilen. Ihre Kinder werden in eigenen Schulen unterrichtet. Auf das Tragen von Schmuck oder Kleidung in bunten Farben wird gänzlich verzichtet. Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die auf die Täuferbewegungen der Reformationszeit zurückgeht. Geschichtlich sind sie eng mit den Hutterern und Amischen verbunden. Die Felder der Mennoniten werden teilweise noch mit dem Pferd bestellt. Sollte es gelingen, einen Mennoniten-Hof mit seinem typischen grünen Dach zu besuchen, dann kann man erleben, wie die Landwirtschaft vor über 100 Jahren auch in Europa funktioniert hat. Da sich die Täufer zur Gewaltfreiheit bekennen, müssen die Männer auch nicht zur Armee einrücken. Das Modell der Freikirche steht außerhalb der staatlichen Strukturen. Mennoniten zahlen Steuern, verlangen aber nichts vom Staat. Für das Leben im Ruhestand und die Krankenversorgung sorgen sie selbst. Auch die Hutterer-Kolonien führen in Kanada in die Vergangenheit: Die in Europa verfolgten Hutterer sind im 18. Jahrhundert aus Tirol und Deutschland ausgewandert. Sie sind eine katholische Glaubensgemeinschaft, die in Kommunen mit etwa 100 Personen lebt. Bürgerliche Vorstellungen von Eigentum, Leistung und Konkurrenz werden abgelehnt. In Kanada existieren rund 300 solcher Kolonien. Sie sind Selbstversorger und bewirtschaften Betriebe bis zu 5000 Hektar. Mit Ackerbau, Rindern, Schweinen und bis zu 30.000 Legehennen sorgen sie für den wirtschaftlichen Erfolg der Kommune. Verkauft wird, was man nicht selbst benötigt. Ausgestattet sind die Betriebe, anders als die Mennoniten, meist mit modernsten Maschinen. Im Gegensatz dazu steht ihre Lebensweise. Die Mitglieder der Kolonie arbeiten alle für die Gemeinschaft und haben keinen Privatbesitz. Kleidung und Schuhe werden selbst genäht, Wohnungen und Möbel selbst gezimmert. Die Frauen tragen lange Röcke und eine Kopfbedeckung, die Männer schwarze Hosen mit Hosenträgern, Kinder gibt es so viele "wie Gott ihnen schenkt". In jeder Kolonie gibt es eine Schule, in der aber in der ersten Stunde nur Deutsch in Wort und Schrift gelernt wird. Die Sechsjährigen schreiben gestochen scharf in Kurrentschrift. Und die Frage eines Besuchers, ob er einen "Washroom" aufsuchen könne, wird vom Lehrer im Tiroler Dialekt beantwortet: "Wüllscht lei aufs Häusl?"

Zurück in die City
Die Rückkehr in die Millionenstadt Toronto mit ihren 2,5 Millionen Einwohner fühlt sich anschließend wie eine Zeitreise an. Hier herrscht geschäftiges Treiben. Der Name der Stadt stammt von den Ureinwohnern und bedeutet "Ort der Begegnung". Rund die Hälfte der in Toronto lebenden Menschen sind keine gebürtigen Kanadier. Die Einwanderer kommen aus allen Ecken der Erde und leben hier zum Teil auch – dank der Toleranz der Kanadier – ihre Kulturen weiter. Tolerant ist man in Kanada auch beim Drogenkonsum. Cannabis wurde erst kürzlich gänzlich freigegeben. Nicht zuletzt, weil Kanada der größte Produzent von Marihuana und Haschisch ist. Ein touristischer Pflichtbesuch in Toronto ist dem CN-Tower gewidmet. Auf der 447 Meter hoch gelegenen Plattform hat man einen großartigen Blick über die Stadt. Die Eintrittskarte kostet 38 kanadische Dollar, also etwa 25 Euro. Bis zur Spitze misst der Tower 553 Meter und war von 1975 bis 2009 der höchste Fernsehturm der Welt. Heute ist der CN-Tower immerhin noch der dritthöchste Turm und nach wie vor spektakulär: Die Aussichtsplattform hat einen gläsernen Fußboden mit freiem Blick in die Tiefe, in das berühmte Baseball-Stadion "Rogers Centre". Dieses ist, genauso wie das "Riplay‘s Aquarium of Canada", einen längeren Besuch wert. Eine Stadtrundfahrt im Hop-On-Hop-Off-Bus ist ebenso empfehlenswert.

Cowboys aus dem Joglland
Je nach Muße kann man dann eine Rinderfarm oder einen der zahlreichen Auswanderer aus Österreich besuchen. Dazu geht es mit einem Inlandsflug erst einmal nach Calgary, mit vier Stunden Flugzeit und zwei Stunden Zeitschiebung. In der Provinz Alberta leben rund vier Millionen Einwohner, eine Million davon in Calgary. Dem gegenüber stehen fünf Millionen Rinder, 50 Prozent davon sind sogenannte Angus-Rinder. Bei "Belvin Angus" konzentrieren sich die Cowboys auf die Zucht dieser Rinderrasse. Der Betrieb hält rund 350 Angus-Rinder und bewirtschaftet 1000 Hektar. Die Stiere werden mit 14 bis 15 Monaten direkt im Betrieb versteigert. Gehalten und gefüttert werden die Tiere auf der Weide oder in sogenannten "Feedlots" auf engsten Raum, aber im Freien. Ein Highlight kann auch ein Besuch bei einem österreichischen Auswanderer sein. Einer davon ist vor Jahren aus dem steirischen Joglland nach Kanada ausgewandert und bewirtschaftet heute einen Ackerbaubetrieb mit 3500 Hektar.

Schwarzfußindianer
Einen Überraschungsbesuch ist auch der "Head-Smashed-In Buffalo Jump" wert, 18 Kilometer nordwestlich des traditionsreichen Fort Macleod. Der Büffelsprung ist der historische Jagdplatz der Schwarzfußindianer. Er ist Unesco-Weltkulturerbe. In einem Museum wird gezeigt, wie die Ureinwohner Kanadas trotz ihrer nur spärlichen Jagdausrüstung bis zu 300 Bisons in kürzester Zeit erlegen konnten: Sie ließen die schlecht sehenden Tiere auf der Flucht gegen die Sonne über einen Felsen in den Tod springen. Früher gab es in dieser Region rund acht Millionen Büffel, heute leben dort nur noch 800.000. Der Legende nach hat der Büffelsprung den Namen bekommen, weil sich ein Indianerbub zu nahe an die Klippe gewagt hatte und ein herabstürzender Büffel ihm den Kopf zertrümmert hat.

Die Rocky Mountains
Weiter führt die Reise durch den eindrucksvollen Nationalpark in den Rocky Mountains nach Banff. Die Bergkette erstreckt sich über 4800 Kilometer von Kanada bis in die USA. Die höchste Erhebung auf kanadischer Seite misst rund 4000 Meter. Die Fahrt geht zum wohl bekanntesten Bergsee, dem Lake Louise, mit dem berühmten Fairmont Chateau am Ufer. Es ist wie das Banff-Springs-Hotel, das einem schottischen Schloss nachempfunden wurde, von der Eisenbahngesellschaft "Canadian Pacific" erbaut worden. Auch Bären gehören hier zuweilen zum Besichtigungsprogramm: Oft können sie unmittelbar neben der Hauptstraße auf den Böschungen beobachtet werden.
Weiter geht es nach Cranbrook und Kelowna, in das schier endlose Okanagan Valley, einem Fruchtgürtel mit Wein- und Obstbau. Okanagan Lake ist ein langer, schmaler Binnensee in der kanadischen Provinz British Columbia. Der rund 135 Kilometer lange und vier bis fünf Kilometer breite See schlängelt sich im südlichen Teil von British Columbia durch das Okanagan-Tal bis zur Grenze des US-Bundesstaates Washington.

Vancouver als Abschluss
Der krönende Abschluss der Kanada-Entdeckungsreise ist Vancouver. Die Stadt ist die drittgrößte des Landes und zählt rund 2,3 Millionen Einwohner. Etwa ein Drittel von ihnen sind Asiaten, die im vorigen Jahrhundert als Arbeitskräfte eingewandert sind. Das Land ist seit jeher ein Einwanderungsland und damit Heimat vieler Kulturen. Vancouver ist aufgrund des milden Wetters eine sehr beliebte und zugleich teure Stadt. Eine Stadtrundfahrt führt uns durch den mit über 400 Hektar größten Stadtpark Kanadas namens "Stanley Park", in dem bis zu 750 Jahre alte Zedernbäume wachsen. Auch ein Ausflug mit dem Schiff nach Vancouver-Island darf nicht fehlen. Diese Insel ist die größte an der Westküste, auf der rund 700.000 Menschen leben. Dort kann der berühmte "Buchart Garden", ein 20 Hektar großer botanischer Garten mit verschiedenen Motivgärten besucht werden. Der Prachtgarten ist in einem ehemaligen Steinbruch entstanden und gilt als Touristen-Highlight. Den Rest des Tages verbringen wir in Victoria, der Hauptstadt der Provinz British Columbia, auf Vancouver Island, bevor es zurück nach Europa geht.