Kurve für Kurve schlängelt sich der Kleinbus in Richtung Atlasgebirge hoch. Nachdem die Reisegruppe Marrakesch verlassen hatte, ging es anfangs eine Stunde flott auf der Bundesstraße in der Ebene dahin, dann wurde es stetig steiler, und langsamer. Das Ziel: Das Aït Bougoumez Tal auf der Nordseite des Hohen Atlas.
Ist man mit dem Reiseanbieter Weltweitwandern unterwegs, ist aber immer auch der Weg ein Stück weit das Ziel: Die Guides und Fahrer kommen selbst aus der Region und zeigen gerne ihr Land her. Die Pause auf halber Strecke wird zu einem Picknick im Grünen umfunktioniert – und zu einem gegenseitigen Kennenlernen der ganzen Reisegesellschaft. Ob man Tourist ist, vom Weltweitwandern-Team, oder einer der Guides, hier ist man gemeinsam unterwegs – darauf erst mal einen Bergtee trinken!
Die nette Atmosphäre macht dann auch das Geholper auf den Bergstraßen für die nächsten Stunden erträglicher. Die Landschaft trägt ihres dazu bei: Die Farben Braun, Grau, Rot und Grün wechseln sich ab. Karge graue Steinformationen zeigen sich mitunter mit Felsfiguren wie aus anderen Welten. Die Erde trägt braun-rötliche Schattierungen. Wo es besonders fruchtbar ist, trifft sattes Rot auf Grün. Die Anbauflächen wirken wie Oasen, die sich durch das Gebirge durchgekämpft haben.
Nach rund sechs Stunden ist es geschafft: Das Aït Bougoumez Tal, der Name wird oft mit "das glückliche Tal" übersetzt, ist ein 13 Kilometer weit reichendes, langgezogenes fruchtbares Tal, das in der Mitte seinen Bewohnern entlang des Flussverlaufes Platz bietet. Feigenbäume wachsen hier, Marillen werden angebaut, auch Getreide, in den vergangenen Jahren vor allem Äpfel.
Die Dörfer überlassen fast den gesamten Platz auf der Höhe der Landwirtschaft, die hier oben immer noch das Leben der Menschen bestimmt. Die Häuser schmiegen sich auf beiden Seiten an die Berge, um den Feldern möglichst viel Platz zu überlassen. Die Häuser in den Dörfern bilden pittoreske Stufen den Berghang hinauf.
Was einem hier oben sofort gefällt, wenn man vom Flughafen oder aus den bewegten und heißen marokkanischen Altstädten kommt: die Ruhe und die kühle, klare Luft.
Die Gruppe checkt in das Dar Itrane ein. Für Europäer, die einen gewissen Standard gewohnt sind, scheint es der perfekte Ausgangspunkt zu sein, um die Bergwelt zu entdecken: Das Dar Itrane ist bodenständig, und sehr charmant, die Zimmer sind spartanisch, aber liebevoll eingerichtet.
Es wird kalt hier an den Abenden. Die Gruppe findet sich allabendlich im Gemeinschaftsraum zusammen, man rückt etwas näher aneinander und wärmt sich am offenen Feuer und an den Suppen und Tajin-Gerichten. Und was gibt es da Besseres als Geschichten über das Bergvolk der Berber von einem der Guides.
Das Aït Bougoumez ist Ausgangspunkt oder Zwischenstopp verschiedenster Anbieter und Touren, nicht nur wegen der Lage: Mit der Ecole Vivante befindet sich hier ein Bildungs-Projekt, das Weltweitwandern sehr wichtig ist. Der Bau beziehungsweise Ausbau der Schule wird von "Weltweitwandern wirkt", dem Sozial-Verein des Reiseanbieters, finanziell unterstützt. Dafür werden Spenden gesammelt, bei Reisen die Ecole besucht und Medienvertretern präsentiert.
Und eine Stippvisite in der Schule ist es wert: Die Architektur des Collège, der Sekundarschule für die älteren Kinder, bietet die Möglichkeit, in hellen, freundlichen Räumen zu lernen. Die Schüler können hier eine Ausstattung nutzen, die es in den öffentlichen Schulen so nicht gibt. Bildung ist ein wichtiges Thema im Tal. Die Perspektiven für junge Menschen sind im Aït Bougoumez begrenzt, fehlende Jobs eine zentrale Herausforderung.
Die Ecole Vivante soll keine Elite-Schule sein, bewusst wird versucht, eine Mischung zu schaffen und Kinder aus sozial schwächeren Familien mit Stipendien abzuholen. Die Lehre ist progressiv und orientiert sich am Alltag der Menschen hier im Atlas, viel dreht sich um Landwirtschaft, die Fruchtbarkeit der Pflanzen und Nachhaltigkeit.
Dass die Natur im Aït Bougoumez Tal ein Schatz ist, den es zu pflegen gilt, wird einem auf den Wanderungen bewusst: Vorbei an malerisch-träumerischen Dörfern, Hainen und kleinen Wäldchen geht es hinauf auf Bergspitzen, die durch ihre kargen Gesteinsformationen an Vulkane oder Mondlandschaften erinnern. Von oben bietet sich dann der wunderschöne Blick auf das grüne Tal der Freude.
Einen besonderen Ausblick (und das bei einem kurzen Aufstieg) bietet die kleine Festung nahe der Ecole Vivante. Durch die Lage auf einem allein stehenden Hügel mitten im Tal schaut man hier in alle Himmelsrichtungen, auf Dörfer, Berge und den Himmel, der im Aït Bougoumez zur Komposition dazugehört.
Wer die Eindrücke nachwirken lassen will, der nutzt am besten nach einem Tag in den Wanderschuhen das Hamam von der Bleibe Dar Itrane. Hier oben hat fast jedes Haus ein Hamam. Überhaupt ist Wärme und Komfort wichtig in den Berber-Häusern der Einheimischen, die Winter können sehr kalt sein.
Wen interessiert, wie die Bevölkerung lebt, sollte beim Guide nachfragen, ob es möglich ist, ein Haus zu besuchen, was meist bei den Reisen dazugehört. Auch der Besuch des Wochenmarktes in Tabant, der Verwaltungshauptstadt des Tales, gibt Einblicke in das Leben der Menschen.
Egal ob als Gast in einem Berber-Haus oder im Schlepptau der Bergführer, die Pausen und Mahlzeiten werden hier immer zelebriert: Man isst hier oben die besten Tajin-Gerichte, bekommt bekömmlichen Kräutertee oder dickflüssigen Kaffee serviert – an letzteren muss man sich erst gewöhnen.
Geht es dann wieder Richtung Tiefland, will man hier, vom Dach Marokkos, eigentlich gar nicht mehr weg. Gleich vermisst man die Berge, die Luft, die Menschen. Aber es gibt noch einiges zu sehen und besuchen: Serpentine für Serpentine schlängelt sich der Bus wieder Richtung Marrakesch. Ein Besuch des großen Bazars ist natürlich Pflicht. Das zuerst mit einem Guide zu machen, ist sehr zu empfehlen: Die Stadtführung führt neben dem Souk auch zu Sehenswürdigkeiten. Allerdings nur eine Auswahl, was wohltuend ist, man taucht dadurch mehr ein und wird nicht von einem Ort zum nächsten gekarrt. Besonders sticht dabei die ehemalige Koranschule Medersa Ben Youssef mit ihrem prunkvollen Innenhof heraus.
Und dann geht es ab in den Bazar: Der Souk ist groß und sehr touristisch. Wo die authentischsten Händler und Produzenten am Werk sind und wo man Geheimtipps findet, das weiß der Tourguide. Abseits davon heißt es eintauchen in die Farben, Gerüche und Geräusche der Stände und verwinkelten Marktgassen. Schier endlos zieht sich der Markt weiter. Wenn man nicht mehr kann, ist der Moment des Riads gekommen: Fast alle Gebäude in Marrakeschs Altstadt verfügen über so eine Innenhof-Oase. Oft verbergen sich hinter den unscheinbarsten Gässchen und Türen die schönsten Riads. Auch das Hotel Riad Slitine kann so ein Juwel anbieten: mitsamt Pool, Palmen, sehr ansprechender Möblierung und Polsterecken.
Wahrlich eine Oase ist auch Anima, der Garten von André Heller, 20 Autominuten außerhalb Marrakeschs. Wie das Aït Bougoumez Tal ist auch Hellers Garten ein Gegenpol zum lebendigen Treiben anderorts. Für Anima nimmt man sich am besten Zeit, lässt sich treiben von der Kunst, der üppigen Pflanzenwelt – und stärkt sich danach mit einem Cappuccino und Mannerschnitten im Café vor Ort. Vom Hohen Atlas nach Marrakesch und in den Anima-Garten – am Ende der Reise hat man das Gefühl, durch verschiedene Welten gereist zu sein. Losgelassen hat einen Marokko dann meist noch nicht. Viele kommen wieder.