Mode als Seelentröster oder gar als Medizin? Overall, Latzhose und Co., Berufskleidung von Installateur und Mechaniker, sind zur Zeit en vogue. Auf der Straße, nicht in der Fabrikshalle. Die blaue Denim-Latzhose hat ihren Ursprung in den USA, wo sie sich einen Namen als Arbeitskleidung machte. In den späten 1990er Jahren wurde sie kurzfristig als neues Trend- und Lieblingsstück adaptiert, bevor sie wieder als Relikt in den Tiefen des Kleiderschranks verschwinden durfte.

Latzhose von Hilda Henri, modern interpretiert. - © Hilda Henri/Christian Ariel Heredia
Latzhose von Hilda Henri, modern interpretiert. - © Hilda Henri/Christian Ariel Heredia

Das sollte sich jetzt aber ändern, denn heuer wurden nicht nur die Latzhose, sondern auch Overall oder Arbeiterjacke auf den Laufstegen von zahlreichen Labels in Paris, New York oder Mailand gesichtet. Auch Influencer scheinen sich Hals über Kopf in die lässige Trägerhose verliebt zu haben. Neben dem klassischen blauen Jeansstoff sind Latzhosen aus Cord übrigens zur Zeit besonders beliebt. Damit der Look nicht zu mädchenhaft wirkt, erhält die Latzhose mit den richtigen Stylingpartnern die perfekte Balance zwischen verspielt und erwachsen.

Bakerboy-Mütze und Arbeiterjacke für's Büro

Geraldine Dufour, die für die Kollektionen des Pariser Labels Bensimon verantwortlich zeichnet: "Für Latzhose und Overall gibt es kein Alterslimit mehr. Sie wird heute entweder ultrafeminin mit Schmuck und hohen Absätzen oder ganz salopp und casual kombiniert, mit lässigem Strick-Sweater oder Rollkragenpullover, Tennisschuhen oder derben Biker-Boots." Auch bei den Accessoires wird nichts dem Zufall überlassen – vor allem die Bakerboy Mütze passt da perfekt zum Outfit. Mit zarten, fließenden Blusen und einer reduzierten Arbeiterjacke wird das Ganze dann sogar bürokompatibel.

Nicht nur die Modemetropole Paris ist dem Arbeiterlook verfallen – werfen wir einen Blick nach Marseille, in den Konzeptstore Empereur. An dieser Shoppingadresse am Mittelmeer gehen keine Haute-Couture-Kleider mit Spitzen und besticktem Dekolletee, sondern geradlinige blaue Werkstattjacken wie warme Semmeln über den Ladentisch. Auch die britische Designerin Margaret Howell lässt sich seit Jahren von der Art & Craftszene inspirieren.

Einfache Schnitte aus hochwertigem Material

Das Objekt der Begierde ihrer gutbetuchten Kundschaft: Latzhose, Overall und reduzierte Jacken mit kastenförmiger Passform. Dafür müssen die Stoffe aber hochkarätig sein. Schottische Wolle, Kaschmir, ägyptische Baumwolle – je einfacher die Silhouette, desto kostspieliger die Hülle. Auch das Pariser Luxuskaufhaus Galeries Lafayette hat den Overall in der aktuellen Frühjahr-/Sommerkollektion 2019 wieder im Programm.

Kein Wunder, der durch kurzlebige Trends mehr als übersättigte Zeitgeist schreit nach wahren Werten, nostalgischen Impulsen und Authentizität. Dafür darf das Standardoutfit des Mechanikers hier zartrosa oder edel khakifarben sein. Citygerecht eben, denn egal ob mit High Heels, Ballerinas oder Tennisschuhen – der Blaumax sieht in jeder Kombination stilgerecht aus. Das Wiener Label Hilda Henri steht seit 2013 für hochwertige Kindermode, seit einiger Zeit gibt es hier auch eine Zweitlinie für modebewusste Mütter. Das Credo des Wiener Designerduos Hilda Henri alias Verena und Mirko Wondrak, das 2017 in Tokio sogar den prestigeträchtigen Milkaward eingeheimst hat: rustikale Stoffe aus der Trachtenbranche zu hochwertigen Art & Craft Modellen für die ganze Familie zu verarbeiten. Filz und Loden gelten hierzulande schließlich schon seit Generationen als robust und langlebig.

Slow Fashion aus Wien

Genau das verlangt offensichtlich die an der Schnelllebigkeit zu Grunde gehende Modebranche. Die Slow Fashion Bewegung, die auch Trendspürnase Li Edelkoort seit einigen Jahren unterstützt, gewinnt mit der saisonunabhängigen Workwearbewegung und ihrem wohltuende Beständigkeit vermittelnden Retrotouch neue Mitglieder. "Sowohl Latzhose als auch Overall gelten heute wie der Trench oder das Kleine Schwarze als Klassiker. Sie sollten in jedem Kleiderschrank ihren Platz finden. Außerdem passen sich diese Teile jedem Stil an und sind somit absolut zeitlos," so die Designerin Marieu de Andreis (sie zeichnet für die Kollektion des Pariser Konzeptstores Bonton verantwortlich) zum neuen Trend.

Nicht nur Mechaniker und Installateure, sondern auch die Uniform der Küchenbrigade inspiriert die neuen Kreativen. Die Welt der Küche und des Kochens hat es der Wiener Designerin und Kochbuchautorin Alexandra Palla angetan. Sie verarbeitet für ihre erste Kollektion namens "Pallacouture" das Geschirrtuch zu Wickelkleidern und Tuniken. Die Kitchencouture ist ihre neue Leidenschaft: "Ich wollte diese wunderbaren Stoffe von der Küche hinaus ins Freie bringen," erklärt Alexandra Palla, "denn auch das Kochen findet heute nicht nur in geschlossenen Räumen statt." Nach umfangreicher Recherche besuchte sie die wenigen Webereien, die es in Österreich für traditionelle Geschirrtuchstoffe noch gibt, wie etwa die Leinenweberei Vieböck im oberösterreichischen Mühlviertel. "Diese Stoffe haben lange Tradition, hohe Qualität und werden in Österreich hergestellt, sind also ideal für meine Küchen-Kollektion. Sie sind sehr eigenständig und besonders. So soll sich auch die Trägerin fühlen, die das Küchenmuster mit dem typischen Karo hinausträgt." Ein Tribut an unsere heutige Zeit ist die eingenähte Innentasche fürs Handy. "Unverzichtbar. Und dass die Modelle namens Johanna, Josefine oder Gretl dann noch eine Geschichte über eine jahrhundertealte Tradition erzählen, macht auch die Trägerin glücklich."