Manchmal kommt man eben nur durch Umwege ans Ziel. Manche müssen erst nach Lille fahren, um auf die Schriftstellerin Marguerite Yourcenar zu stoßen. Sie war die erste Frau in Frankreich, die im Jahr 1980 Mitglied der prestigeträchtigen Académie Française wurde. Beim Zuckerbäcker Méert in der rue Esquermoise in Lille (eine Institution), wo auch Yourcenar oft zu Gast war, werden noch heute die mit sündiger Vanillecreme gefüllten Waffeln angeboten. Die berühmten Waffeln, aber auch Schokoladen und andere deliziöse Süßigkeiten, werden hier seit Generationen in der hauseigenen Backstube hergestellt. Auch im Pariser Teesalon von "Meert" im Maraisviertel gehen die Waffeln wie warme Semmeln über den Ladentisch. Yourcenar nannte sie die "Madeleines du Nord", als Anspielung auf Marcel Proust und seine berühmten Madeleines. Literatur und Gourmandise befanden sich immer schon in perfekter Osmose. Die Schriftstellerin Marguerite Duras ("Hiroshima mon amour", "Der Liebhaber") hatte schon vor zwanzig Jahren ihr eigenes Kochbuch mit ihrer berühmt-berüchtigten "Soupe aux Poireaux" inklusive Einkaufsliste veröffentlicht und nicht nur Literaturfreaks lieben den "Mittag-esser" von Thomas Bernhard.

Auch der 11. Pariser Arrondissement ist immer wieder für kulinarische Überraschungen gut. Nach dem Neobistro "Septime" von Bertrand Grébaut, dem Bistro "Servan" und "Double Dragon" der beiden dynamischen Schwestern Katia und Tatiana Levha, die asiatische Einflüsse mit französischer Kochkunst ohne Komplexe harmonisch und hemmungslos mixen, sorgt nun auch das "Welwitsch" für Aufregung: In der Küche steht Patricia Martins, Fotografin aus Angola, die sich das notwendige Know-How in der renommierten Pariser Kochschule "Le Cordon Bleu" geholt hat. Sie zählt neben Anne-Sophie Pic oder Hélène Darroze zu den weiblichen Küchenchefs, die zurzeit in Paris den Ton angeben. Gekocht hatte sie schon früher gerne, auch zu Hause im fernen Angola. Die Wände sind rosa, die Stühle sonnengelb, der Smoothie diese Woche pink. Auch hier wird mit regionalen Produkten gekocht, zum Wochenende gibt's einen Brunch à la carte. Den Namen verdankt dieses Restaurant einer fleischfressende Wüstenblume, benannt nach dem österreichischen Botaniker Friederich Welwitsch, der im 19. Jahrhundert in der Wüste Angolas geforscht hat.

Rive Gauche, sprich am linken Seineufer, hält hingegen die Makimania an – die absolute Lieblingsadresse der Pariser ist zurzeit das "Blueberry" in der (leicht versteckten) rue du sabot in Saint Germain des Prés. Das "Blueberry" ist klein, aber fein, mit einem gewissen Feelgood-Ambiente. "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" in seiner kulinarischen Version: Makis mit Himbeeren und Fuji-San (eine weiße, kompakte Milchcreme mit Heidelbeeren) zum Abschluss. Die beiden autodidaktischen Vaconsin-Schwestern (Marie-Lorna und Florence) vom "Blueberry" haben nun zur Freude ihrer Fangemeinde ein paar Straßen weiter das Pendant mit Hongkong-Flair eröffnet: Die "Steambar" beglückt mit feinen Cocktails und deliziösen Ingwer-Gambas-Ravioli – mit dem poetischen Namen Black Pearl.

"East meets West", das passt immer: In Wien kochen im "Reisinger's" der Wiener Michael Vesely (er ist für die Desserts verantwortlich) und die Vorarlbergerin Adelheid Reisinger auf, als wäre man bei ihnen zu Haus zu Gast. Gasthausküche revisited, auch hier wird großer Wert auf Zutaten und Saisonales gelegt. Der Geschmack ergibt sich dann von selbst. Nostalgie und Bodenständigkeit werden nicht nur in der krisengeschüttelten Grande Nation wieder großgeschrieben.