Auf der mehrspurigen Autobahn, die vom Flughafen Scheremetjewo in Richtung Moskau Zentrum führt, liegt der Verkehr lahm. Nur im Schneckentempo bewegen sich Autos, Lkw und Busse fort, was dem Taxi-Fahrgast aber immerhin ausreichend Zeit gibt, die Umgebung zu betrachten. Die wechselt rasch von einem idyllischen Birkenwald rund um das Flughafengelände zu Industriebauten, riesigen Wohnsilos (die man zumindest mit großflächigen bunten Wandbildern zu verschönern sucht) und den nacheinander aufgereihten Glasbüro- und -verkaufskomplexen sämtlicher Automarken dieser Welt. Auffallend ist, dass es erstaunlich viel Grün gibt – Parks, Alleen und Rasenflächen rund um die Häuser und Bürogebäude. Entlang der Nebenfahrbahn warten Moskauer geduldig auf ihren Bus von der Arbeit nach Hause – kein Rempeln in der Schlange, kein Drängeln. Auch die Autofahrer zeigen sich vorbildlich, niemand schneidet in eine andere Spur, hupt oder zeigt obszöne Gesten. So viel Gelassenheit ist fast schon unheimlich…

Die Basilius-Kathedrale ist heute ein Ikonen-Museum. - © Christina Mondolfo
Die Basilius-Kathedrale ist heute ein Ikonen-Museum. - © Christina Mondolfo

Nach einer Weile weicht die eher triste Vorstadtarchitektur Bauten im Stil von Art Nouveau und Konstruktivismus sowie bombastische Monsterbauten mit teilweise sehr modernen Anmutungen. Der Verkehr bleibt unverändert dicht, selbst auf der siebenspurigen Straße, die im Zentrum vom Kreml und dem Bolschoi-Theater in Richtung Lubjanka führt, herrscht dichtestes Gedränge. Aber auch hier bleiben alle ruhig, und niemand regt sich über die Fußgänger auf, die sich, ohne zu schauen, zwischen den Autos in Richtung andere Straßenseite durchzwängen – und die regulären Zebrastreifen schlichtweg ignorieren. Wer nun denkt, dass man dann vielleicht doch mit dem gut ausgebauten U-Bahnnetz besser dran wäre, der irrt allerdings. Nicht was die Frequenz der Züge betrifft – die fahren auf allen Linien nahezu alle zwei Minuten -, aber hier scheinen die Menschen wenig Geduld zu haben. Da wird gedrängelt, was das Zeug hält, und wenn man dann eingequetscht wie eine Sardine im Waggon steht, stellt man sich die bange Frage, ob man in der Zielstation auch tatsächlich wieder herauskommt: Man kommt, wenn auch nicht ohne Schubsen und erneutem Drängeln… Aber vielleicht sollte man dann zur Erholung die teilweise luxuriöse Architektur vieler Metro-Stationen bewundern, deren bekannteste wohl die am Platz der Revolution mit ihren 76 lebensgroßen, zum Teil nach realen Personen gestalteten Bronzeskulpturen ist. Doch auch Mayakovskaya, Komsomolskaya, Arbatskaja, Novokuznetskaya oder Novoslobodskaya sollte man sich anschauen.

Doch bevor man sich ins Metro-Abenteuer in der 15-Millionen-Metropole (nach inoffiziellen Schätzungen leben 20 Millionen Menschen in Moskau) stürzt, sollte man zuerst kurz in seinem Hotel durchatmen. Denn Moskau hat so viel zu bieten, dass, egal wie viele Tage man dort verbringt, es auf jeden Fall zu kurz ist. Da sind natürlich die obligatorischen Besichtigungsklassiker wie der Kreml (ist die Fahne aufgezogen, ist Hausherr Vladimir Putin daheim, sagen die Moskauer) samt Lenin-Mausoleum und Rotem Platz, die Basilius-Kathedrale am Ende des riesigen Paradeplatzes und als dekadenter Kapitalismus-Kontrapunkt das Nobelkaufhaus Gum direkt gegenüber dem Kreml-Palast. Das Bolschoi-Theater, dessen Ballett-Aufführungen stets ausverkauft sind, weil die Moskauer bis heute Ballett lieber haben als Oper, das nüchterne, aber nichtsdestoweniger imposante Gebäude der Staatsduma nur wenige Schritte daneben, oder die Lubjanka, das berüchtigte Gebäude, das von 1920 bis 1991 das Hauptquartier, das zentrale Gefängnis und das Archiv des sowjetischen Geheimdienstes in Moskau war. Heute beherbergt die Lubjanka den russischen Inlandsgeheimdienst FSB – und ist immer noch berüchtigt.

Lichtvoller glänzen da die goldenen Kuppeln der Christi-Erlöser-Kathedrale ein paar Straßen entfernt auf der anderen Seite des Kreml, eine von scheinbar unzähligen Kirchen in Moskau. Sie sind durchwegs alle bestens erhalten und gepflegt: "Das liegt daran, dass Staat und Oligarchen der Kirche finanziell kräftig unter die Arme greifen – diese drei Mächte sind hier eng miteinander verknüpft", erklärt Stadtführer Vladimir. "Und die Kirchen werden tatsächlich auch als solche genutzt, die Leute gehen regelmäßig in die Messen. Nur die Basilius-Kathedrale ist heute ein Ikonen-Museum."

Museen für alle und alles

Apropos Museum - wer Freude am Besuch eines solchen hat, dem wird in Moskau garantiert nicht langweilig. Es gibt kein Thema, dem nicht zumindest ein kleines Museum gewidmet ist: Geschichte, Kunst, Künstler, Puppen, Technik, Möbel, Multimedia, jeder findet garantiert etwas für ihn Interessantes. Eine Besonderheit ist das Spielautomaten-Museum in der Kuznetsky most st., 12. Rund 50 Spielautomaten aus der ehemaligen Sowjetunion, sogenannte Arkade-Maschinen, warten auf Spieler. Die Automaten sind alle original und stammen aus den frühen 1970er Jahren bis hin zur Perestroika. Produziert wurden sie von russischen Rüstungsbetrieben, aufgestellt waren sie unter anderem in Parks oder Supermärkten, wo die Menschen für 15 Kopeken pro Spiel (das entsprach damals dem Preis für einen Laib Brot und einen Liter Milch) kurz ihrem Arbeitsalltag entfliehen konnten. Aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verloren die Spielautomaten ihren Reiz, später liefen ihnen Computer den Rang ab. Doch das 2007 eröffnete Museum kann sich nicht über Besuchermangel beklagen – Touristen, aber auch Moskauer spielen gerne "Morskoi Boi" (Seeschlacht), "Tankodrom" (Panzerschlacht) oder "Skachki" (Pferderennen). Nostalgie pur…

Zweigeteilt sind die Gefühle in Sachen Nostalgie, wenn es um "Stalins Schwestern", die in Moskau "Stalins Hochhäuser" heißen, geht. Die sieben unübersehbaren Wolkenkratzer aus massivem hellem Stein ließ Josef Stalin als Wohnhäuser für Politfunktionäre, berühmte Künstler und reiche Wirtschaftsbonzen bauen; das erste wurde 1949 eröffnet. Heute findet man nur mehr in zwei davon Wohnungen: "Man kann sowohl mieten als auch kaufen – wenn man es sich leisten kann. Die Wohnungen sind immer noch extrem teuer", sagt Vladimir. In den anderen Hochhäusern befinden sich eine Universität, zwei Ministerien und zwei werden als Hotel genutzt. Alle sind bis heute original erhalten und für viele eine stete Erinnerung an Zeiten, die man am liebsten vergessen möchte.

Wer genug von Kirchen, Museen und Co hat, der sollte dem Sarjadje-Park einen Besuch abstatten. Auf dem knapp 13 Hektar großen Grundstück zwischen Kreml und dem Fluss Moskwa stand einst das 1967 eröffnete Hotel Rossia, das mit 3170 Zimmern als größtes in Europa galt. Es wurde Anfang 2006 geschlossen und im selben Jahr abgerissen. Nach jahrelangen Streitereien um die Neunutzung beschloss Präsident Vladimir Putin, der Stadt einen Park zu spendieren. Das US-amerikanische Architektenbüro Diller Scofidio + Renfro wurde beauftragt, eine Gartenanlage zu schaffen, in der die Flora der unterschiedlichen Vegetationszonen Russlands gezeigt wird. Außerdem finden sich Ausstellungsgebäude, ein Amphitheater, ein Kinosaal sowie der Konzertsaal Sarjadje auf dem Gelände. Der Park wurde im September 2017 eröffnet, der spektakuläre Konzertsaal ein Jahr später. Für einen weitreichenden Blick über den Fluss und einen Teil der Stadt sorgt eine schwebende Brücke. Das Projekt war nicht nur wegen der Kosten von umgerechnet 200 Millionen Euro umstritten, Gegner brachten immer wieder das Argument vor, dass man mit dem teuersten Grundstück in ganz Moskau doch etwas Gewinnbringenderes hätte machen können. Doch Putin ließ sich in seinem Entschluss nicht beirren und heute ist der Park ein beliebter Treffpunkt von Jung und Alt, um sich zu entspannen, ein Picknick zu machen oder einfach nur eine kurze Pause vom Arbeitsleben zu genießen.

Neuer Wind

Wer zu Fuß durch die Stadt wandert, dem fällt auf, dass es unglaublich sauber ist – kein Papier, kein Zigarettenstummel oder Plastiksackerl liegen herum. "Die Stadtverwaltung war da recht strikt und die Moskauer finden es offenbar auch schön, wenn kein Müll auf der Straße liegt. Geraucht wird bei speziellen Körben, in dem die Asche und der Zigarettenstummel landen. Allerdings haben nun die kleinen Städte und Dörfer rund um Moskau ein massives Müllproblem, denn dort sind die riesigen Halden, auf denen der Abfall der Hauptstadt landet – und davon gibt es jede Menge. Es hat schon etliche Proteste gegeben und Ansuchen, den Müll verbrennen zu können, doch bisher ist nichts geschehen", erklärt Vladimir. Er ist Anfang Dreißig, hauptberuflich Journalist bei der russischen Nachrichtenagentur Tass und ein echter Insider, was Moskau, seine Bewohner und die Politik betrifft: "Seit einigen Jahren weht ein stärkerer Wind der Veränderung in Moskau – nicht immer heftig genug, aber immerhin tut sich etwas und wenn man bedenkt, wie viele Jahrzehnte eine strenge Politik der Unterdrückung, Angst und Unfreiheit geherrscht hat, dann ist es erstaunlich, wie viel offener hier nun alles ist. Sogar ich kann in meinem Job kritisch über heikle Themen schreiben – ob es die Agentur veröffentlicht, ist aber etwas anderes. Immerhin muss ich keine Sanktionen befürchten", meint Vladimir.

Der neue Wind zeige sich unter anderem auch im offen zur Schau gestellten Reichtum, sagt der Journalist und Stadtführer: "Ferrari oder Porsche, teurer Schmuck, teure Markenkleidung – niemand schämt sich, wenn er diese Dinge besitzt. Dass im Nobelkaufhaus Gum allerdings eher die Touristen einkaufen, während die reichen Russen lieber zum Shoppen nach Wien fliegen, weil es da billiger ist, wirft schon ein Licht auf das Preisbewusstsein." Doch ruft dieses Verhalten nicht viele Neider auf den Plan? "Schwer zu sagen, aber was ich aus meinem Freundeskreis weiß, dient das eher als Ansporn, es auch zu Reichtum zu bringen", sagt Vladimir.

Während also ein großer Teil der Moskauer offenbar den Statussymbolen der Reichen und Schönen sehnsüchtig nachschaut, tanzen diese, wenn sie nicht gerade durch die Innenstadt flanieren, in den schicken Nachtclubs, deren angesagteste sich im Finanzviertel mit gläsernen Wolkenkratzern wie in London befinden. Und wo man schon einmal umgerechnet 1000 Euro als Eintritt hinblättert. Auch ins Restaurant essen zu gehen gilt als schick – wobei das Essen meist mittelpreisig ist, der Alkohol dagegen sehr teuer. Seit den EU-Sanktionen haben viele Lokale auch Schwierigkeiten, bestimmte Zutaten zu bekommen, vor allem Käse: "Auf dem Schwarzmarkt bekam und bekommt man zwar alles, aber zu extrem hohen Preisen. Und das können sich viele nicht leisten. Also hat man angefangen, selbst zu produzieren, was im Fall von Käse besonders schwierig war, weil Russland darin keine Tradition hat. Doch mittlerweile ist etwa der Mozzarella schon sehr gut. Und auch die heimische Weinproduktion kann sich schon sehen lassen", erzählt Elena. Sie betreibt mit ihrem Mann ein Beratungsunternehmen für die Gastronomie und hat die Krise bis in jedes Detail miterlebt. Sehr beliebt sind Lokale, die georgische oder ukrainische Küche anbieten, so wie etwa die urige Weinbar "Megobari" (15, Maroseyka St.). Sie wurde als erste ihrer Art im Juni 2018 eröffnet und gehört George Martiashvili, der seit rund 16 Jahren in Moskau lebt. Heute besitzt er 20 Restaurants, Bars und Cafés und es sollen mehr werden. Wann immer er Zeit hat, setzt sich der gemütliche Georgier, der eigentlich Jurist ist, gerne zu seinen Gästen und plaudert. "Doch das kommt leider nur mehr selten vor, es sind einfach schon zu viele Lokale, um in allen immer präsent zu sein", sagt der Geschäftsmann. Doch das Konzept ist aufgegangen und er sowie die Besucher sind glücklich.

Auf dem neuen Wind reiten vor allem die Jungen: "Sie sind gut gebildet, in der Welt herumgekommen, schauen nach vorne und sind offen. Trotzdem gibt es manche Bereiche, wo die Menschen immer noch sehr konservativ sind; Gefühle auf der Straße zur Schau zu stellen gehört da beispielsweise dazu. Und Homosexuelle haben es bis heute nicht leicht: Sie werden zwar nicht mehr offen verfolgt und haben wesentlich mehr Rechte, demonstrieren dürfen sie aber weiterhin nicht. Es haben sich sogar einige Politiker im Umkreis um Putin geoutet, was ein echter Fortschritt für dieses Land ist."

In diese Kategorie fallen auch die Informationstafeln und Hinweisschilder, die erst seit der Fußball-WM 2018 neben Kyrillisch auch in Englisch angeschrieben sind: "Den Verantwortlichen ist bewusst geworden, dass dieses Ereignis viele Besucher aus dem Ausland anziehen würde, die weder Russisch sprechen noch Kyrillisch lesen können. Und weil auch bei den Sicherheitskräften wie Polizei, Nationalgarde und Militär nicht genügend Leute Englisch sprechen, entschloss man sich zu dieser Maßnahme", erklärt Vladimir. Die Schilder sind tatsächlich hilfreich und ermöglichen ein ziemlich problemloses Weiterkommen in der Stadt. Die Straßennamen sind aber trotzdem nur in Kyrillisch – man tut also gut daran, zumindest noch schnell das Alphabet zu lernen, damit man dann am Stadtplan nachvollziehen kann, wo man gerade ist… Um seine Sicherheit braucht man jedenfalls nicht zu fürchten, auch in der Nacht kann man sich zumindest im Zentrum und den angrenzenden Bezirken unbehelligt bewegen. Und den beleuchteten Kreml, das Bolschoi oder viele andere Gebäude sollte man unbedingt auch nachts gesehen haben – da leuchten sie ebenso hell wie die Veränderungen, zumindest nach russischen Maßstäben…

Die Reise erfolgte auf Einladung des Hotel Metropol.