Wer genug von Kirchen, Museen und Co hat, der sollte dem Sarjadje-Park einen Besuch abstatten. Auf dem knapp 13 Hektar großen Grundstück zwischen Kreml und dem Fluss Moskwa stand einst das 1967 eröffnete Hotel Rossia, das mit 3170 Zimmern als größtes in Europa galt. Es wurde Anfang 2006 geschlossen und im selben Jahr abgerissen. Nach jahrelangen Streitereien um die Neunutzung beschloss Präsident Vladimir Putin, der Stadt einen Park zu spendieren. Das US-amerikanische Architektenbüro Diller Scofidio + Renfro wurde beauftragt, eine Gartenanlage zu schaffen, in der die Flora der unterschiedlichen Vegetationszonen Russlands gezeigt wird. Außerdem finden sich Ausstellungsgebäude, ein Amphitheater, ein Kinosaal sowie der Konzertsaal Sarjadje auf dem Gelände. Der Park wurde im September 2017 eröffnet, der spektakuläre Konzertsaal ein Jahr später. Für einen weitreichenden Blick über den Fluss und einen Teil der Stadt sorgt eine schwebende Brücke. Das Projekt war nicht nur wegen der Kosten von umgerechnet 200 Millionen Euro umstritten, Gegner brachten immer wieder das Argument vor, dass man mit dem teuersten Grundstück in ganz Moskau doch etwas Gewinnbringenderes hätte machen können. Doch Putin ließ sich in seinem Entschluss nicht beirren und heute ist der Park ein beliebter Treffpunkt von Jung und Alt, um sich zu entspannen, ein Picknick zu machen oder einfach nur eine kurze Pause vom Arbeitsleben zu genießen.

Neuer Wind

Wer zu Fuß durch die Stadt wandert, dem fällt auf, dass es unglaublich sauber ist – kein Papier, kein Zigarettenstummel oder Plastiksackerl liegen herum. "Die Stadtverwaltung war da recht strikt und die Moskauer finden es offenbar auch schön, wenn kein Müll auf der Straße liegt. Geraucht wird bei speziellen Körben, in dem die Asche und der Zigarettenstummel landen. Allerdings haben nun die kleinen Städte und Dörfer rund um Moskau ein massives Müllproblem, denn dort sind die riesigen Halden, auf denen der Abfall der Hauptstadt landet – und davon gibt es jede Menge. Es hat schon etliche Proteste gegeben und Ansuchen, den Müll verbrennen zu können, doch bisher ist nichts geschehen", erklärt Vladimir. Er ist Anfang Dreißig, hauptberuflich Journalist bei der russischen Nachrichtenagentur Tass und ein echter Insider, was Moskau, seine Bewohner und die Politik betrifft: "Seit einigen Jahren weht ein stärkerer Wind der Veränderung in Moskau – nicht immer heftig genug, aber immerhin tut sich etwas und wenn man bedenkt, wie viele Jahrzehnte eine strenge Politik der Unterdrückung, Angst und Unfreiheit geherrscht hat, dann ist es erstaunlich, wie viel offener hier nun alles ist. Sogar ich kann in meinem Job kritisch über heikle Themen schreiben – ob es die Agentur veröffentlicht, ist aber etwas anderes. Immerhin muss ich keine Sanktionen befürchten", meint Vladimir.

Der neue Wind zeige sich unter anderem auch im offen zur Schau gestellten Reichtum, sagt der Journalist und Stadtführer: "Ferrari oder Porsche, teurer Schmuck, teure Markenkleidung – niemand schämt sich, wenn er diese Dinge besitzt. Dass im Nobelkaufhaus Gum allerdings eher die Touristen einkaufen, während die reichen Russen lieber zum Shoppen nach Wien fliegen, weil es da billiger ist, wirft schon ein Licht auf das Preisbewusstsein." Doch ruft dieses Verhalten nicht viele Neider auf den Plan? "Schwer zu sagen, aber was ich aus meinem Freundeskreis weiß, dient das eher als Ansporn, es auch zu Reichtum zu bringen", sagt Vladimir.

Während also ein großer Teil der Moskauer offenbar den Statussymbolen der Reichen und Schönen sehnsüchtig nachschaut, tanzen diese, wenn sie nicht gerade durch die Innenstadt flanieren, in den schicken Nachtclubs, deren angesagteste sich im Finanzviertel mit gläsernen Wolkenkratzern wie in London befinden. Und wo man schon einmal umgerechnet 1000 Euro als Eintritt hinblättert. Auch ins Restaurant essen zu gehen gilt als schick – wobei das Essen meist mittelpreisig ist, der Alkohol dagegen sehr teuer. Seit den EU-Sanktionen haben viele Lokale auch Schwierigkeiten, bestimmte Zutaten zu bekommen, vor allem Käse: "Auf dem Schwarzmarkt bekam und bekommt man zwar alles, aber zu extrem hohen Preisen. Und das können sich viele nicht leisten. Also hat man angefangen, selbst zu produzieren, was im Fall von Käse besonders schwierig war, weil Russland darin keine Tradition hat. Doch mittlerweile ist etwa der Mozzarella schon sehr gut. Und auch die heimische Weinproduktion kann sich schon sehen lassen", erzählt Elena. Sie betreibt mit ihrem Mann ein Beratungsunternehmen für die Gastronomie und hat die Krise bis in jedes Detail miterlebt. Sehr beliebt sind Lokale, die georgische oder ukrainische Küche anbieten, so wie etwa die urige Weinbar "Megobari" (15, Maroseyka St.). Sie wurde als erste ihrer Art im Juni 2018 eröffnet und gehört George Martiashvili, der seit rund 16 Jahren in Moskau lebt. Heute besitzt er 20 Restaurants, Bars und Cafés und es sollen mehr werden. Wann immer er Zeit hat, setzt sich der gemütliche Georgier, der eigentlich Jurist ist, gerne zu seinen Gästen und plaudert. "Doch das kommt leider nur mehr selten vor, es sind einfach schon zu viele Lokale, um in allen immer präsent zu sein", sagt der Geschäftsmann. Doch das Konzept ist aufgegangen und er sowie die Besucher sind glücklich.