Matthias Goerne

Die Klangwelten, die Matthias Goerne mit seiner Stimme aufzuspannen versteht, vermögen das ganze Universum der menschlichen Seele zu durchmessen. Seine Liederabende gleichen dem Bericht eines wissenden Reisenden durch all ihre Schatten und Abgründe, ihre Freuden und Sehnsuchtswelten. So klanglich ausufernd sein voller Bassbariton dabei ist, so sorgsam er jede einzelne Note umgarnt und umfasst, so reduziert, so präzise fokussiert ist sein Vortrag auf die emotionale Essenz eines Liedes, eines Stückes.

Es ist dieser klangliche Widerspruch, der in den Bann seiner Stimme zieht: diese samtigen, dunkelroten, warmen Farben des Trostes, in denen die Zuversicht und Würde des Königs mit der tödlich blutenden Wunde des Herzens zusammenfallen.

Obwohl bei Goernes Interpretationen ganz klar die Musik und nicht das Wort im Zentrum stehen, ist er ein herausragender Geschichtenerzähler. Einer, der nicht in Worten, sondern in emotionalen Essenzen spricht. Auf den ausgetretenen Pfaden der romantischen Liedkunst umschifft er dabei jede Sentimentalität, begegnet den Liedern eines Schubert oder Schumann mit wacher Neugierde und schält das zeitlos Wesentliche aus ihnen heraus, verdichtet und fein gestaltet zu packenden Minidramen. Dabei reicht Matthias Goernes Bandbreite auch als Operndarsteller vom wild polternden Solitär über den hoffnungsvollen Träumer bis hin zum tief Verzweifelten, der staunend und mit weit aufgerissener Seele in die eigenen Abgründe blickt – genauso gebannt von deren Dringlichkeit wie seine Zuhörer. (Judith Belfkih)

Maria Callas

Wann ist eine Stimme "schön"? Wenn der Sänger mit ihr alles machen kann, was gesangstechnisch möglich ist? Oder geht es um Wahrheit, um Ausdruck? Das ist die Geschmacksfrage, die jeder für sich entscheiden muss.

Die Stimme von Maria Callas war vielleicht nicht schön im herkömmlichen Sinn – wenn es um die reine Schönheit geht, ist sie von ihrer Konkurrentin Renata Tebaldi übertroffen worden. Aber die Stimme von Maria Callas ist zu Klang gewordene Wahrheit gewesen. Die Callas hat gar nicht mit den Stimmbändern gesungen, sondern mit ihrer Seele. Vielleicht sind bei ihr ja auch Seele und Stimmbänder eins gewesen.

Die Callas ist ein Teil der neueren Opernmythologie – und das zurecht. Geboren am 2. Dezember 1923 in New York City als Maria Anna Sofia Cecilia Kalogeropoulou, Tochter griechischer Einwanderer, Ehe mit dem italienischen Unternehmer Giovanni Battista Meneghini, Scheidung, unglückliche Affäre mit Aristoteles Onassis, Gesangspause, ein Comeback, das nicht recht glücken will, Tod am 16. September 1977 in Paris. Sie ist erst 53 Jahre alt.

Die Stimme der Callas: Von der Altlage bis zum Koloratursopran glühend und intensiv. Eine Tigerin, ein Vulkan aus Fleisch und Blut. Aber können Tiger und Vulkane auch zärtlich sein? Oder ist das nur der Callas gegeben gewesen? Puccinis "O mio babbino caro" in der Aufnahme unter Georges Prêtre – nur ein Stein hat da keine Träne im Augenwinkel. Zwei Minuten lang ist Wahrheit Schönheit und Schönheit Wahrheit. (Edwin Baumgartner)